Aktuelle Nachrichten – Europa
10.07.2008
München – Bei dem groß angelegten Schlag gegen den Handel mit synthetischen Drogen hat die Polizei rund 20 Labore in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgehoben und tonnenweise Chemikalien sichergestellt. Das bayerische Landeskriminalamt sprach am Donnerstag in München von der „größten Polizeiaktion, die es je gegeben hat bei der Bekämpfung synthetischer Drogen“.
Zwei Chemikalienhändler und zwei ihrer Kunden wurden nach Polizeiangaben verhaftet. Die Haftbefehle gegen einen 39-jährigen Händler aus Hodenhagen in der Lüneburger Heide, einen 37-jährigen Händler aus Fürstenfeldbruck und zwei Abnehmer aus Thüringen seien schon vor der Durchsuchungsaktion erlassen worden.
Der Händler aus Fürstenfeldbruck habe zusammen mit seinem Kollegen aus der Heide übers Internet „einen schwunghaften Handel mit einem Lösungsmittel betrieben“, das in der Drogenszene auch als „Liquid Ecstasy“ bekannt sei, sagte die Münchner Oberstaatsanwältin Dagmar Illini. Acht weitere Personen wurden festgenommen. Insgesamt seien über 600 Abnehmer in Deutschland und weitere 200 im Ausland ermittelt worden.
Bei den Durchsuchungen waren rund 2.800 Polizeibeamte im Einsatz gewesen. Neben großen Mengen des Lösungsmittels GBL, das milliliterweise als Rauschmittel konsumiert wird, wurden auch Amphetamine, Kokain und andere Drogen sichergestellt: „So ziemlich alles, was man sich vorstellen kann, bis hin zu so exotischen Dingen wie Aztekensalbe“, sagte LKA-Einsatzleiter Mario Huber.
Der niedersächsische Händler steht auch im Verdacht, gegen das Sprengstoffgesetz verstoßen zu haben, teilten die Polizei in Lüneburg und die Staatsanwaltschaft Verden gemeinsam mit. In Bayern, Berlin und Baden-Württemberg seien im Zuge der Razzia auch Sprengstoffe beschlagnahmen worden, sagte ein Polizeisprecher. Auch die in Thüringen verhafteten Abnehmer hätten Chemikalien zur Sprengstoff- und zur Drogenherstellung bezogen.
„Hinweise auf einen terroristischen oder politischen Hintergrund haben wir bislang nicht“, sagte Polizeisprecher Thomas Mellentin. In München, Augsburg und einem Vorort von Nürnberg musste die Polizei Substanzen vor Ort sprengen, weil ein Abtransport zu gefährlich war. Dabei wurde ein Polizist verletzt.
Den verhafteten Chemikalienhändlern drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft, wie Staatsanwältin Illini erklärte. Der Beschuldigte aus Fürstenfeldbruck habe das Lösungsmittel literweise als Rauschmittel an Privatpersonen verkauft. Seine Gewinnspanne habe 1.500 Prozent betragen. Die meisten Kunden seien 20 bis 35 Jahre alt. In seinem Wohnhaus, in seiner Garage und auf seinem Grundstück seien tonnenweise Chemikalien sichergestellt worden, ebenso bei seinem Kollegen in Neu-Ulm. Für den Abtransport seien sechs große Lastwagen nötig gewesen, sagte Einsatzleiter Huber.
In Deutschland seien rund 15 illegale Labore ausgehoben worden, in der Schweiz und Österreich weitere fünf. In Delmenhorst sei ein „Liquid-Ecstasy“-Konsument dank der Razzia aus dem Koma gerettet worden. In Ingolstadt seien die Fahnder auf eine Cannabis-Aufzuchtanlage gestoßen. Illini sagte, mindestens acht Menschen in Deutschland seien beim „Liquid-Ecstasy“-Konsum schon gestorben. (AP)
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