Aktuelle Nachrichten – Sport
07.08.2008
Berlin – Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) haben nach Einschätzung von Sportphilosoph Gunter Gebauer die olympischen Ideale verraten. Kurz vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking übte der Buchautor und Professor der Freien Universität Berlin in einem AP-Interview am Donnerstag heftige Kritik an der Funktionärskaste:
Kann man sich denn angesichts der Menschenrechtsverletzungen in China überhaupt auf die Spiele freuen?
Gebauer: Es fällt einfach schwer, überhaupt Vorfreude aufkommen zu lassen, weil die Probleme sich so häufen wie noch nie zuvor bei Olympischen Spielen. Natürlich war auch Moskau 1980 ein riesiges Problem, aber da Deutschland wegen des Boykotts nicht teilnahm, wurden die Spiele auch nicht übertragen. So fielen die Spiele für Deutschland praktisch aus.
Können die Begleitumstände hemmende Wirkung auf die Sportler haben?
Gebauer: Das hängt von den Persönlichkeiten ab. Die sensibleren Persönlichkeiten dürften nicht mit der großen Freiheit, dem Selbstverständnis und der Freude auftreten wie sonst. Aber eigentlich sind das Leute, die gewohnt sind, unter schwierigsten Bedingungen Wettkämpfe zu führen. Die meisten Athleten können all das, was vorher passiert ist und was stört, im Moment des Wettkampfs ausblenden. Das hat man als Leistungssportler gelernt.
Kann das wie Doping auch pushende Wirkung haben, wenn man Zorn und Wut entwickelt?
Gebauer: Zorn und Wut können manchmal zu Spitzenleistung führen. In Moskau zum Beispiel gewann der polnische Stabhochspringer Wladyslaw Kozakiewicz mit Weltrekordhöhe Gold, nachdem die russischen Zuschauer ihn permanent ausgepfiffen hatten. Der sprang Bestleistung, machte eine Verachtungsgeste zum Publikum, das dann vor Ärger losheulte. Wut und Zorn können mal zu solchen Reaktionen führen, aber ich glaube, in der Regel führt das eher zu Verkrampfung.
Es gibt in Zeitungen Aufrufe von Athleten an China, die Menschenrechte einzuhalten. Bringen solche Appelle etwas?
Gebauer: Für Athleten ist das eine Möglichkeit, ihre Mündigkeit unter Beweis zu stellen. So können sie signalisieren, wir sind nicht nur dumme Sportler, nur Leistungsbiester, sondern auch Leute, die das gesellschaftliche Umfeld mitbedenken. Wir sind uns bewusst, dass wir hier in einem schwierigen Teil der Welt auftreten. Ob das Effekte auf China hat, bezweifle ich.
Was ist davon zu halten, dass Sportler sich nach Wettkämpfen nicht politisch äußern dürfen?
Gebauer: Das ist einmalig und nicht akzeptabel. Das heißt, dass das IOC und der DOSB im Grunde selbst gegen Menschenrechte verstoßen. Meinungsäußerung gehört zur Grundausstattung der Demokratie. Dann sagt der DOSB auch noch, die Athleten seien mündig. Und hängen ihnen dann einen Maulkorb um. Das ist ja blanker Hohn. Aber wie das vor Ort aussehen wird, weiß ich nicht. Die Äußerungen des DOSB sind ja extrem widersprüchlich. Ich finde es ärgerlich, wie in der deutschen Sportführung mit dem Problem umgegangen wird. Das ist kein Ruhmesblatt.
IOC-Funktionär Hein Verbruggen sagte in einem Interview, Sportreporter sollten über Sport berichten und müssten nicht alle Seiten des Internets aufklicken können. Das halte ich für eine dramatische Fehleinschätzung von Meinungsfreiheit. Das heißt, an der IOC-Spitze sitzen Leute, die keine Ahnung von Demokratie haben.
Es gibt Forderungen, Olympische Spiele nur noch an Demokratien zu vergeben...
Gebauer: Die Forderung ist genau richtig. Man muss Vorstellungen davon haben, in welches Land die Spiele passen. Man muss sich überlegen, dass die Olympische Idee und die Spiele ein kostbares Gut sind, mit dem man vorsichtig umgehen muss. Man kann das nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit beschädigen lassen. Sonst bleibt nichts davon übrig. Es gibt Grundsätze, die notwendig garantiert sein müssen.
Verbruggen sagte dazu, wenn das so sei, dann könnte man die Spiele in den meisten Ländern ja gar nicht stattfinden lassen. Ja, das ist genau richtig, dann kann man sie nicht stattfinden lassen. Es gibt Grundsätze, die sind notwendig, um freien Sport betreiben zu können. Es muss eine egalitäre Gesellschaft geben. Es muss eine Form der Liberalität da sein, damit ein freier Wettkampf stattfinden kann. Das wichtigste ist die Freiheit. Ohne Freiheit kann man eigentlich keine Olympischen Spiele stattfinden lassen. Eine ganze Reihe von Ländern dürften erst gar nicht infrage kommen.
Die Tatsache, dass das IOC immer überlegt, in welche Länder man die Spiele noch vergeben kann, in denen viel Unfreiheit herrscht, zeigt, dass es diesen Funktionären völlig egal ist, was mit diesem Produkt angefangen wird. Es geht nur noch darum, eine hohe Wirtschaftlichkeit zu erzielen. IOC-Vizepräsident Bach sagte auf dem DOSB-Kongress in Berlin vor zwei Wochen, die Lebenslüge, dass der olympische Sport nichts mit Wirtschaftlichkeit zu tun habe, sei beendet. Ich sagte ihm, wenn das eine Lebenslüge gewesen sei, müsse man sich fragen, warum sie zustande kam. Lebenslügen entstehen nicht als blanke Lügen, sondern dann, wenn die guten Verhältnisse nicht mehr durchgehalten werden. Darauf blieb er stumm. Er sagte, er lege viel Wert darauf, dass Sport und Geschäft viel miteinander zu tun haben. Kein Wunder: Leute wie er verdienen neben ihrer olympischen Tätigkeit auch als Berater, zum Beispiel bei Siemens, in China und ähnlichen Ländern ihr Geld.
Sind denn noch irgendwelche der hehren Ideale der Antike da?
Gebauer: Beim IOC überhaupt nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Ich hatte bei Bachs Rede den Eindruck, dass er glaubt, den Durchbruch geschafft zu haben, weil er sich jeglicher idealen Ideen entledigen konnte. Das IOC ist ein riesiges Wirtschaftsunternehmen. Deswegen bleibt von den Olympischen Spielen und seinen Idealen nichts mehr übrig. Das ursprüngliche Ideal war, man macht ein riesiges Sportfest mit möglichst allen anerkannten Sportarten und ruft die Jugend der Welt dazu und die sollte im Sinne der Völkerverständigung miteinander wettkämpfen. Heute geht es dem IOC nur noch ums Geld.
(Die Fragen stellte Holger Mehlig) (AP)
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