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07.06.2010
Foto: Bernd Kregel
Ist der Schrecken bereits der Idylle gewichen? Zwar raucht er noch, der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen. Doch längst nicht mehr wie noch Mitte April, als er nach mächtiger Eruption mit seiner Wolke aus winzigen Aschepartikeln ganz Mitteleuropa aus dem Tritt brachte. Mit etwas Mut darf man sich ihm nun wieder nähern und erlebt ihn, eine gute Woche nach dem Ausbruch, nur noch als einen Schatten seiner selbst.
Doch man unterschätze sie nicht, die dunkel aus dem Schlot hervorquellende und lautlos dahinflatternde Aschenfahne, eingerahmt vom blauen Himmel und einer grünen Frühlingslandschaft am Fuße des Vulkankegels. Denn noch ist sie stark genug, um – getragen von einem kräftigen Ostwind – nun auch den Flugverkehr der Inselhauptstadt Reykjavik für ein paar Tage lahm zu legen.
Zweifelsohne ein Naturereignis der besonderen Art, das den Eyjafjallajökull über Nacht weltberühmt machte Und dabei auch die Blicke der Finanzwelt zurücklenkte auf das noch nicht vollständig ausgestandene Finanzdebakel des Inselstaates: „Erst die Kohle verbrennen und dann auch noch die Asche rüberschicken!“, lautete der schwarze Humor, der dabei half, die unerwartete Katastrophe aus mitteleuropäischer Sicht ein wenig erträglicher zu machen.
Für die Isländer hingegen gehören die Launen der Natur nur zur vertrauten Routine. Dreißig ähnliche Ausbrüche in den letzten zwanzig Jahren – da kommt sogar ein wenig Stolz auf bei dem Gedanken, dass nie in der Geschichte des Landes auch nur ein einziger Mensch bei einem solchen Ereignis ums Leben kam.
Sie alle wachsen ohnehin auf in dem Bewusstsein, dass im Untergrund unglaubliche Kräfte an ihrer Insel zerren, um sie irgendwann einmal vollständig auseinander zu reißen. Eine tektonische Rangelei, bei der die amerikanische und die eurasische Platte seit etwa neuntausend Jahren darauf aus sind, dabei die größere Hälfte für sich zu ergattern. So durchziehen breite Furchen die gesamte Vulkaninsel, die ihre deutlichste Ausprägung finden in Thingvellir, dem ältesten Parlamentsplatz in ganz Europa, der es bereits ins UNESCO-Weltkulturerbe hinein geschafft hat.
Da es sich jedoch um langfristige erdgeschichtliche Vorgänge handelt, genießen die Isländer erst einmal die Vorteile, die ihnen ihre Insel aus Feuer und Eis zu bieten hat. Vor allem die heißen Quellen, die mit Hilfe von Wärmekraftwerken den Energiebedarf des Landes sicherstellen. Und natürlich die Warmwasserversorgung, die in einem ausgeklügelten System sogar noch die Beheizung mancher Bürgersteige garantiert. Für den Rest des Wohlbefindens sorgt der Golfstrom, der die Insel in voller Breite umspült.
Bester Beweis für den Lebensgenuss, der von dieser emporsprudelnden Wärme ausgeht, ist die „Blaue Lagune“ in unmittelbarer Nähe von Reykjavik. Wohlig vereint sitzt man hier im bläulich schimmernden warmen Wasser und trotzt genüsslich dem kalten Wind, der sich in Küstennähe immer wieder mit kräftigen Böen in Erinnerung bringt. Offenbar ist dies nicht nur ein Gesundbrunnen, sondern dazu auch noch ein Jungbrunnen. Denn in keinem Land der Welt werden die Menschen älter als in Island. Selbst die Japaner, die bislang diesen Rekord für sich beanspruchten, müssen dies nun neidlos eingestehen.
Hinzu kommen als Geschenke der Natur die Dampf sprühenden Geysire, die aus unterirdischen Kammern kochendes Wasser unter Überdruck explosionsartig in den Himmel schießen. Und natürlich die zahlreichen Wasserfälle, die – von riesigen Gletschern gespeist und über das ganze Land verteilt – donnernd in die Tiefe stürzen und dabei, je nach Stand der Sonne, ihre Gischt in bunten Regenbogenfarben oder als goldenen Bühnenvorhang erstrahlen lassen.
Diese wild zerklüftete und urwüchsige Landschaft ist nicht nur Heimat für 320.000 Isländer, sie ist es zugleich für die unterschiedlichsten Elfen und Trolle. Ihre verborgene Existenz ist bis heute tief in der Volksseele verankert und nie trat sie ernsthaft in Konkurrenz zum Christentum, da man hier klug genug war, es nicht auf einen Machtkampf zwischen den beiden Vorstellungswelten ankommen zu lassen. Als unsichtbare Wesen sind diese Geschöpfe unberechenbar und wirken entweder gutmütig und segensreich oder aber launisch und kauzig, indem sie ihre Opfer mit respektlosem Schabernack aufs Korn nehmen.
Insgesamt eine Welt, die den Zentraleuropäern lange Zeit fremd blieb und dennoch die Phantasie anregte. So sah man seit Dantes „Göttlicher Komödie“ Jahrhunderte lang den Vulkan Hekla im Süden der Insel wegen seiner häufigen Ausbrüche als Tor zur Unterwelt, vor dem den armen Sündern der Rat erteilt wurde, „alle Hoffnung fahren zu lassen“. Eine mittelalterlich-katholische Denkweise und daher völlig unvereinbar mit der draufgängerischen Mentalität der Wikinger und ihrer nordischen Sagenwelt.
Inzwischen haben sich die europäischen Kulturen einander angenähert und auch die Entfernungen stellen keine grundsätzliche Barriere mehr dar. Niemand weiß dies besser als Uli aus Berlin. Vor sieben Jahren verbrachte er hier mit seiner Familie seinen Urlaub, und dann wollte er plötzlich nicht mehr weg. Er baute sich eine stressfreie eigene Existenz auf, die ihm sein heimatlicher Prenzlauer Berg nicht bieten konnte. Und an Rückkehr nach Deutschland will er heute einfach nicht mehr denken. Nicht einmal in dem langen Winter, mit dem er sich inzwischen bei Kaminfeuer und Nordlicht arrangiert hat.
Mit seiner Liebe zu Island und der ausgeglichenen Mentalität der Isländer steht Uli nicht mehr allein. Jährlich werden es mehr, die sich von Deutschland aus auf den Weg machen, um die herbe Schönheit der Landschaft aus Feuer und Eis zu genießen. Zum Beispiel auf dem „Golden Circle“, auf dem man von Reykjavik aus auf einer Tagestour die landschaftlichen Höhepunkte des Südwestens kennen lernen kann: die Vulkane und Gletscher, die Geysire und Wasserfälle, die tektonischen Brüche und zerfurchten Gebirge.
Und unterwegs immer wieder die Herden von unterschiedlich gefärbten Islandpferden, die nur darauf warten, für Touren durch die unwegsame Landschaft gesattelt zu werden. Für Isländer sind sie der ganze Stolz, da sie mit ihren fünf unterschiedlichen Gangarten alle anderen Pferderassen übertreffen. Nie wage es daher jemand, von einem isländischen „Pony“ zu reden. Möglicherweise ist dies der Punkt, an dem der sonst so ausgeglichene Isländer über die geringste Toleranzbreite verfügt.
Der „Golden Circle“ führt auch vorbei an der Südküste mit ihrem allgegenwärtigen maritimen Ambiente. Und mit ihren Fischrestaurants, in denen die frischen Fänge nicht einfach zubereitet sondern geradezu veredelt werden. Das Angebot reicht von der sahnig-sämigen Fischsuppe bis hin zu pikant gegarten Hummerschwänzen in Pfeffersoße – und doch stets mit einem unaufdringlichen zarten Geschmack.
Und dann erst in Reykjavik, wo die gute Küche in zahlreichen Gourmet-Tempeln vollends Einzug gehalten hat. Zum Beispiel im VOX-Restaurant nahe dem Zentrum. Hier werden Lammgerichte serviert in einer geradezu unglaublichen Zartheit, denen man vom Geschmack her anmerkt, dass die Tiere ohne Zufütterung in der freien Wildnis aufgewachsen sind. Eine unerwartet schmackhafte kulinarische Besonderheit.
Auch die Bewohner von Reykjavik wissen, was sie an ihrer Stadt haben, an ihren Cafés und Restaurants, an ihren Läden und Boutiquen. Ein wahres Genuss- und Kauf-Eldorado. Mit dem berühmtesten Hot-Dog-Stand der Welt, an dem es sich selbst Bill Clinton nicht nehmen ließ, sich kulinarisch verwöhnen zu lassen. Ronald Reagan und Michail Gorbatschow müssen ihn wohl übersehen haben, als sie hier bei ihren atomaren Abrüstungsgesprächen immer wieder ihre Raketenbestände durchzählten.
Und wen dann, dermaßen gestärkt, noch die große Abenteuerlust packt, der nehme sich einen Mietwagen und umrunde die ganze Insel. Herum um Fjorde und Seen, vorbei an heißen Quellen und tiefen Schluchten. Jeder Tag eine neue Seite im Bilderbuch des Vulkanismus, das schnell versöhnt mit den Unannehmlichkeiten der Wolke vom April 2010.
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