Aktuelle Nachrichten – Deutschland
04.04.2012
Foto: Clemens Bilan/dapd Photo
Berlin – Schon lange hat kein literarisches Werk mehr für so viel Aufsehen gesorgt wie das neue Gedicht von Günter Grass zum Atomkonflikt mit dem Iran. Der Nobelpreisträger attackiert darin den Staat Israel. "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schreibt Grass. Zudem kritisiert Grass die deutsche Außenpolitik.
Das Gedicht trägt den Titel "Was gesagt werden muss". Veröffentlicht wurde es in den jeweiligen Mittwoch-Ausgaben der "Süddeutschen Zeitung", der "New York Times" und von "La Repubblica". In einer weiteren Passage des Gedichtes heißt es zu Israel, das Land habe "ein wachsend nukleares Potential verfügbar", das jedoch geheim gehalten und nicht kontrolliert werde.
Grass stellt in seinem jüngsten Gedicht zudem infrage, ob Iran tatsächlich über eine Atombombe verfügt. Der Bau einer solchen Waffe werde nur "vermutet". In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Position Deutschlands: "Mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert", schreibt Grass, solle ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden, "dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist".
Schon kurz nach der Veröffentlichung das Gedicht größtenteils auf Empörung. Die Bundesregierung blieb indes demonstrativ gelassen. "Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst, und es gilt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Grass selbst lehnte eine Rechtfertigung vorerst ab.
Die Botschaft von Israel in Berlin wies die Anwürfe des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass zurück: Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt werde, hieß es in einer Erklärung des Gesandten Emmanuel Nahshon. Die Israelis wollten in Frieden mit den Nachbarn in der Region leben. Sein Land sei "nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist", betonte Nahshon. Auch das "American Jewish Committee" zeigte sich "entsetzt über Günter Grass‘ neuerlichen Versuch, Israel zu delegitimieren".
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, nannte das Gedicht ein "Hasspamphlet". Grass schiebe Israel die Verantwortung für eine Gefährdung des Weltfriedens zu, kritisierte Graumann. Auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, warf dem Schriftsteller Grass ein "durchschaubares Schmierentheater" vor.
Der Publizist Henryk M. Broder nennt Günter Grass in einem Beitrag für die Tageszeitung "Die Welt" einen "Prototyp des gebildeten Antisemiten". Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zog es vor, zu dem Gedicht von Grass zu schweigen: "Ich werde mich nicht über Grass äußern", sagte er der dapd.
Die Debatte erreichte auch den Bundestag: Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz, distanzierte sich klar von dem jüngsten Gedicht des Schriftstellers. "Das Gedicht gefällt mir nicht", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung" . Der CDU-Politiker kritisierte, die einseitige Schuldzuweisung an Israel sei falsch. "Das Land, das uns Sorgen bereitet, ist der Iran. Davon lenkt sein Gedicht ab."
Auch von den Grünen hagelte es Kritik. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte "Spiegel Online", sie schätze Grass sehr – "aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen". Der Abgeordnete Wolfgang Gehrcke (Linke) vertrat hingegen die Meinung, Grass habe "den Mut mit seinem Gedicht auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde".
(dapd)
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