Hannover/Bonn – Fußball-Nationaltorwart Robert Enke hat vor seinem Selbstmord über Jahre Depressionen und Versagensängste vor der Öffentlichkeit verborgen. Seine Witwe Teresa Enke berichtete am Mittwoch auf einer bewegenden Pressekonferenz von der Leidensgeschichte ihres Mannes. Der Deutsche Fußball-Bund sagte das für Samstag geplante Länderspiel gegen Chile ab. Bundestrainer Joachim Löw, DFB-Präsident Theo Zwanziger und Kapitän Michael Ballack nahmen am Abend an einer Trauerandacht in Hannover teil.
Der Kölner Therapeut Valentin Markser sagte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz von Enkes Verein Hannover 96, der Torhüter sei bei ihm schon 2003 erstmals wegen Depressionen in Behandlung gewesen. Teresa Enke schilderte unter Tränen und mit brüchiger Stimme: „Wenn er akut depressiv war, war das schon eine schwere Zeit.“ Dann habe ihrem Mann der Antrieb und die Hoffnung gefehlt. „Dazu kam die Angst, seinen Sport und sein Privatleben zu verlieren.“ Der Tod der gemeinsamen Tochter Lara im Jahr 2006 habe sie und ihren Mann zusammengeschweißt. „Wir haben gedacht, mit Liebe geht das“, sagte die 33-Jährige. Sie habe ihrem Mann zu zeigen versucht, dass er nicht allein sei und stets versucht, „für ihn da zu sein“.
Enke hatte nach dem Worten seiner Frau zudem Angst, dass seine Depression öffentlich werden und er dadurch seine achtmonatige Adoptivtochter verlieren könnte. Ein Anruf beim Jugendamt habe jedoch ergeben, dass die Angst unbegründet gewesen sei, sagte seine Frau. Fußball sei für ihren Mann „alles, sein Leben, sein Lebenselixier“ gewesen, sagte sie zudem. „Das Training war der Halt“, fuhr sie unter Tränen fort.
Nach Angaben des Kölner Psychiaters Markser weigerte sich Enke bis zuletzt, sich stationär wegen seiner Depressionen behandeln zu lassen. Enke habe ihn bereits 2003 in seiner Zeit als Spieler in Barcelona und Istanbul erstmals wegen Depressionen aufgesucht, sagte der Therapeut. Der Fußballer habe seinerzeit unter Versagensängsten gelitten. Damals habe er Enke täglich in Behandlung gehabt und dessen Zustand habe sich stabilisiert.
Anfang Oktober habe sich der Fußballspieler erneut bei ihm gemeldet, weil er im Zuge einer Infektion zunehmend in eine Krise geraten sei. Noch am Tage seines Selbstmordes habe es Enke gegenüber dem Chefarzt einer Klinik abgelehnt, sich in stationäre Behandlung zu begeben. In seinem Abschiedsbrief habe er sich bei Angehörigen und Ärzten für die Täuschung über seinen wahren Zustand entschuldigt.
Ein sichtlich berührter DFB-Präsident Zwanziger sagte in Bonn: „Wir können das Länderspiel am Samstag gegen Chile nicht durchführen.“ Zu diesem Ergebnis sei man nach Gesprächen mit Spielerrat, Management und Trainern der Nationalelf gekommen. Dieser Schritt sei alternativlos.
Der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff sagte: „Wir haben festgestellt, dass wir offenbar nie über die Oberfläche durchgedrungen sind, wie es bei Robert Enke ausschaut.“ Er brach während der Pressekonferenz in Tränen aus.
Zwanziger nahm am Abend zusammen mit Bierhoff, Löw und Ballack an einer Trauerandacht in Hannover teil, die von der Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann gestaltet wurde. Die Marktkirche war mit 1.000 Menschen bis auf den letzten Platz gefüllt, vor der Kirche herrschte dichtes Gedränge. Auch die niedersächsischen Minister Uwe Schünemann und Hans-Heinrich Sander nahmen teil. Anschließend wollten Fans von der Marktkirche in einem Trauerzug zum Stadion von Hannover 96 ziehen, der AWD Arena.
Die Nationalmannschaft kommt am Sonntag zu einer eigenen Trauerfeier in Düsseldorf zusammenkommen. Löw sagte: „Ich bin völlig schockiert, völlig leer.“ „Robert war nicht nur ein herausragender Spieler, sondern auch ein toller Mensch.“
Der Tod des beliebten Fußballers löste eine Welle der Anteilnahme aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel kondolierte der Witwe in einem nach Angaben eines Sprechers „sehr persönlich gehaltenen Brief“. Auch die Bundesminister Guido Westerwelle und Thomas de Maizière zeigten sich erschüttert. Alle 36 Mannschaften der 1. und 2. Bundesliga werden am 13. Spieltag mit Trauerflor spielen und für Enke eine Gedenkminute abhalten. Am Stadion von Hannover 96 versammelten sich Hunderte Fans. Auch im Internet brachten Tausende ihre Trauer zum Ausdruck. (AP)
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