Kultur – Jubel für „Peter Grimes“ an der Deutschen Oper Berlin – Rosemarie Frühauf
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Kultur

Raues Seemanns-Drama Jubel für „Peter Grimes“ an der Deutschen Oper Berlin

Rosemarie Frühauf

27.01.2013

Von links nach rechts: Simon Pauly als Keene, Hila Fahima und  Kim-Lillian Strebel als Nichten, Clemens Bieber als Pastor.   Foto: Marcus Lieberenz
Von links nach rechts: Simon Pauly als Keene, Hila Fahima und Kim-Lillian Strebel als Nichten, Clemens Bieber als Pastor.

Foto: Marcus Lieberenz

Klassisch inszeniert und „very British“ ist die neueste Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin. „Peter Grimes“ von Benjamin Britten wurde am Freitag bei der Premiere unter GMD Donald Runnicles einstimmig bejubelt. Die Produktion stammt von der English National Oper London (2009). Es war ein Abend, der – ganz ohne überzogen-moderne Zutaten als – spannende Interpretation von Brittens Klassiker überzeugte. Die Regie kam von David Alden, das karge und wirksame Bühnenbild von Paul Steinberg und ein passend hartes Lichtdesign von Adam Silverman.

Manchmal anständig, meist bieder und bigott, grobschlächtig, einfältig, fanatisch und hysterisch – das sind die Bewohner des englischen Küstendorfes in Brittens Oper Peter Grimes. Gemeinsam bilden sie eine unerbittliche Macht – so wie das Meer, das ihr Leben bestimmt, von dem ihre Existenz abhängt und das ihnen wie im Wechsel der Gezeiten Gedeih oder Verderb bringt.

Die Tragödie eines Außenseiters

Peter Grimes ist ein Fischer, der ins Fadenkreuz der Dorfgemeinschaft gerät, nachdem sein Lehrjunge unter unglücklichen Umständen gestorben ist. Nur noch die Lehrerin Ellen und der alte Kapitän Balstrode halten zu ihm. Als auch sein nächster Lehrjunge verunglückt, versenkt Peter Grimes sich samt seinem Boot, um der Lynchjustiz des Dorfes zu entgehen. Die Geschichte von Peter Grimes ist Farce und Natur-Epos in einem und wurde von Benjamin Britten und seinem Liberettisten ohne Sentimentalität erzählt, wobei Alltagsdialoge auf atmosphärische Musik treffen.

Die Inszenierung von David Alden ist deshalb so stark, weil sie sich auf diese Grundkomponenten des Stückes zurückbesinnt. Hier gibt es keine Rührseligkeiten und kein Opernschmalz in der Personenführung und (fast) keine großen Posen. Alles geschieht in größter Alltäglichkeit. Wenn Ellen und Balstrode am Ende von Peter Grimes Abschied nehmen und dieser wortlos von der Bühne wankt, wirkt diese Emotionsverweigerung sogar befremdlich. Und doch macht sie Sinn, denn sie ist der Ursprung der Peter Grimes-Tragödie.

Fehlbesetzt und trotzdem ein Volltreffer

So einiges wich von den üblichen Klischees ab und funktionierte erstaunlich gut: Mit Christopher Ventris sang die Titelrolle kein Charaktertenor, sondern eine strahlende und warm timbrierte Heldenstimme. Sehr gesanglich und wohlklingend war sein Grimes, kein gebrochener Schwerenöter, sondern ein Good Boy, der durch die eigenen Ansprüche an sich sein Unglück selbst heraufbeschwört.

Bariton Markus Brück ist für den Captain Balstrode eigentlich noch viel zu jung, dementsprechend musste er sich was einfallen lassen. Obwohl er ordentlich knarrte und polterte, nahm man ihm den knarrigen alten Seebären nicht ganz ab. Aber mit strammer militärischer Haltung und einem fehlenden Arm wurde er zum kriegsversehrten Marine-Offizier mittleren Alters. Und das klappte vorzüglich! Wenn er am Schluss im Menschenmeer aus Gaffern („Draußen vor der Küste sinkt ein Boot!“) seine Mütze abnimmt, um seinem Freund die letzte Ehre zu erweisen, kriegt man unweigerlich eine Gänsehaut. Brück gelang ein sehr glaubwürdiges Portrait und er feierte, wie sein Kollege Ventris, einen großen Erfolg.

Wunderbar sonnig und optimistisch, ohne in die Opferrolle zu fallen, außerdem äußerlich schon eine Bilderbuch-Besetzung, war Michaela Kaune als Ellen Orford. Sie sah aus wie Mary Poppins und ihre besten Momente waren die leisen und lyrischen. An Ellens dramatischen Höhepunkten klang sie etwas hohl und schrill und hatte gegen die Klangmassen des Orchesters zu kämpfen. Denn aus dem Graben wehte eine steife Brise: Zu viel Forte und zu viele Forciertheiten zwangen die Sänger im ersten Akt zum Brüllen. Diese Premieren-Nervosität war im zweiten Akt komplett verschwunden und es entspann sich ein musikalisch wunderbar nuanciertes Spiel, sowohl im Orchester, wie im Dialog von Graben und Bühne.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Mob und seine skurrilen Gesichter

 

Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.

Folgen Sie uns auf Facebook , Twitter und Google+.

 
Anzeige
Anzeige