Berlin – Trotz einer insgesamt sinkenden Zahl an Straftaten nimmt die Jugendgewalt in Deutschland immer stärker zu. Bei Körperverletzungsdelikten verzeichneten die Behörden einen Anstieg um 2,7 Prozent auf knapp 67.000 Fälle, wie aus der am Dienstag in Berlin veröffentlichten Polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2006 hervorgeht. Insgesamt sank die Zahl an Delikten um 1,4 Prozent auf 6,3 Millionen Fälle. Innenminister Wolfgang Schäuble hielt an der Forderung nach mehr Befugnissen für die Polizei fest.
Bei Heranwachsenden gibt es laut Statistik bei Gewalttaten sogar einen Anstieg um 4,6 Prozent. Schäuble kündigte an, die Ursachen dafür wissenschaftlich aufarbeiten zu wollen. Unbekannt sei bislang, wie hoch die Dunkelziffer jugendlicher Gewalttäter sei. Daher werde das Innenministerium mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen eine „repräsentative Dunkelfelderhebung“ durchführen. Die ersten Ergebnisse werden Ende des Jahres erwartet.
Nach Schäubles Einschätzung bedeutet der Anstieg der Fallzahlen nicht zwangsläufig einen tatsächlichen Anstieg der Kriminalität. Vielmehr gehe der Anstieg zumindest zu einem erheblichen Teil auf eine erhöhte Bereitschaft in der Bevölkerung zurück, Körperverletzungsdelikte anzuzeigen.
Die Gewaltkriminalität nahm auch insgesamt zu: Die Behörden registrierten mit über 215.000 Fällen 1,2 Prozent mehr als 2005. Dies sei vor allem auf den Anstieg in den Bereichen der schweren Körperverletzung auf knapp 151.000 Fälle (plus 2,6 Prozent) sowie von Mord und Totschlag um drei Prozent auf knapp 2.500 Fälle zurückzuführen.
Überproportional zurück ging dagegen die Zahl nichtdeutscher Tatverdächtiger um 3,2 Prozent auf 503.000. Schäuble machte dafür unter anderem die Novellierung des Asyl- und Flüchtlingsrechts sowie die verstärkten Integrationsbemühungen des Bundes und der Länder verantwortlich. Die Aufklärungsquote stieg laut Statistik im Vergleich zu 2005 von 55 auf 55,4 Prozent leicht an. Die Statistik zeige, dass Deutschland nach wie vor eins der sichersten Länder der Welt sei, erklärte Schäuble.
Trotz der seit Jahren sinkenden Zahl an Straftaten hielt Schäuble an seiner Forderung nach mehr Befugnissen für die Polizei fest. Die „Formen der Tatbegehung“ änderten sich, und es gebe neue technische Entwicklungen, sagte er. Vor 20 Jahren habe beispielsweise das Thema Internetkriminalität noch keine Rolle gespielt. Darum müsse auch ständig über neue Möglichkeiten der Verbrechensbekämpfung nachgedacht werden.
Kritik an der Statistik kam von den Polizeigewerkschaften. „Die hohe Leistungsbereitschaft und ungebrochene Motivation der Polizeibeschäftigten produzieren den Glanz des Erfolges, in dem sich die Politik so gerne sonnt“, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg. Nach innen jedoch verbreiteten die verantwortlichen Minister „die Kälte zunehmenden Sozial- und Personalabbaus“.
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) erklärte, die Aussagefähigkeit der Statistik sei unzulänglich. Seit Jahren werde zudem darin der Anstieg der Gewaltkriminalität festgestellt und von Politikern bedauert, ohne dass Gegenmaßnahmen ergriffen würden, sagte der BDK-Vorsitzende Klaus Jansen.
Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Wolfgang Speck, sagte in N24: „Wir glauben, dass die Verrohung auch damit einher geht, dass das Verhältnis zur Unversehrtheit des Menschen, zur Gesundheit, zum Leben ein anderes geworden ist als in der Vergangenheit.“
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http://www.bka.de/
http://www.bdk.de/ (AP)
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