Aktuelle Nachrichten – Geschichte
04.01.2012
Auf der Berliner Museumsinsel ruhte über anderthalb Jahrhunderte unerkannt ein Schatz, der erst 2009 bei der Präsentation im Neuen Museum durch Dietrich Wildung wiederentdeckt wurde.
Welches Glücksgefühl muss einen so profunden Ägyptologen und erfahrenen Museumsmann wie Dietrich Wildung – vor seiner Pensionierung 2009 war er 20 Jahre lang Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin – überkommen haben, als die neu aufgebauten und geöffneten Grabkammern ihm einen neuen Zugang zu den Tierdarstellungen des alten Ägypten öffneten? Das geschah inmitten der Einrichtung im Neuen Museum auf der Museumsinsel.
Und wann hat man als Journalistin schon die Gelegenheit, einem profunden Wissenschaftler und erfahrenen Museumsmann dabei quasi über die Schulter zu schauen? Bei einer Buchpräsentation im November und einer Museumsführung im Dezember offenbarte Professor Dietrich Wildung, wie beglückend das Einrichten von Ausstellungen sein kann, weil buchstäblich ein „neues Licht“ auf die Ausstellungsstücke fällt. In diesem Fall waren es die Wandreliefs aus drei vollständigen Grabkammern der Pyramidenzeit um 2600 - 2400 v. Chr., die man in dem Neubau so aufstellen konnte, dass jeder Besucher die überaus lebendigen oft nur um Millimeter erhabenen Tierreliefs im fein eingestellten Streiflicht besichtigen kann.
Zuvor gab es nur 170 Jahre alte Strichzeichnungen für wissenschaftliche Zwecke, der Eingang zu den Kammern war 160 Jahre lang zu schmal und nicht zu beleuchten, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Während des Zweiten Weltkriegs teils ausgelagert oder im Neuen Museum eingemauert, hatten die Kammern die Kriegs- und Nachkriegszeit zwar ziemlich unbeschadet überstanden, aber erst nach jahrelanger Reinigung und Konservierung wurden sie im Neuen Museum auseinander gerückt und frei aufragend aufgestellt.
Und dann wurden im Streiflicht der Beleuchtung die ganzen künstlerisch lebendig gestalteten Tierreliefs deutlicher sichtbar, die wohl noch einige wissenschaftliche Meinungen über die ägyptische Kunst des Alten Reiches ins Wanken bringen werden.
Denn die Differenzierung, die nun erkennbar wurde, hat eine durchaus künstlerische Durchdringung. Tiere, die Freude, Neugier oder Schmerz erleben, werden auch so dargestellt. Themen wie Paarung oder die Geburt von Jungtieren – ausgerechnet am deutlichsten bei zwei Stinkmardern – erscheinen in den Reliefs. Ein Ziegenbock beschnüffelt eine Ziege vor der Paarung, ein Kälbchen nähert sich neugierig und zärtlich einem Busch, ein Jaguar beäugt ein Stachelschwein. Die erhabene Erstarrung von menschlichen Figuren in der Kunst der alten Ägypter zeigte zwar eine „kollektive Glückseligkeit“, so Wildung, aber es gab keinerlei künstlerische Freiheit, etwa Emotionen darzustellen.
Eine Mäzenin begeistert sich
Die Idee zu einem Buch wurde geboren und durch die großzügige Mäzenin Waldtraut Braun mitgetragen und begleitet. Ihrer Förderung verdanken Museen und Schlösser schon einige Bücher von hoher Qualität, einfühlsamer Darstellung und subtilem Humor.
Für den Ägyptologen Wildung ist das Buch der Weg, um noch mehr Menschen ins Museum zu locken. Denn hier erst kann man nach seiner Meinung das richtige Bauchgrummeln bekommen, das Kunst beim Betrachter auslöst. Was ist schon das Internet oder die Bibliothek, nur ein Informationsträger, ermahnt er als akademischer Lehrer seine jungen Kollegen. Das wahre Leben sucht die Lebendigkeit der Begegnung. Wildung jedenfalls hat sich richtig verliebt in die Gänse, denn wo, so sagt er, könnte man noch so deutlich sehen, was sie wirklich seien - bei allem individuellen Ausdruck - „lauter dumme Gänse".
Tierbilder und Tierzeichen im Alten Ägypten
144 Seiten mit 111 farbigen Abbildungen,
24 x 28 cm, Hardcover
Deutscher Kunstverlag
ISBN: 978-3-422-07056-1
Preis: 19,90 €
Schlagworte
Die Technologie der großen Pyramiden
(21.06.2011)
Das Geheimnis der chinesischen Pyramiden
(27.01.2011)
„Der Ort, an dem die Menschen zu Göttern werden“
(30.06.2010)
Grabkammer von altägyptischer Königin nahe Kairo entdeckt
(03.03.2010)
(12.01.2010)
Von Grabkammern und ihren Schätzen
(20.04.2009)
Neue Theorie zum Bau der Cheops-Pyramide
(30.03.2007)