Aktuelle Nachrichten – International
22.06.2010
Toronto (apn) Auf einmal wird Kanada beneidet. Vor dem G-20-Gipfel in Toronto kommende Woche meint das Gastgeberland, dem Rest der Welt einiges über Krisenvermeidung beibringen zu können: Eine Bankenkrise fand nicht statt. Das Wirtschaftswachstum erreichte im ersten Quartal eine jährliche Rate von 6,1 Prozent. Der Immobilienmarkt floriert, und von den 400.000 in der Rezession verloren gegangenen Arbeitsplätzen sind drei Viertel wieder da.
Das bleibt nicht unbemerkt. So empfiehlt Präsident Barack Obama den USA das kanadische Bankensystem zur Beachtung, und der britische Schatzkanzler George Osborne will das Defizit nach der Methode Ottawas abbauen. Kanada fühlt sich bestätigt. „Wir können stolz darauf sein, wie sich unser Finanzsystem während der Krise geschlagen hat“, sagte Finanzminister Jim Flaherty in einem Interview der Associated Press.
Flaherty erinnerte daran, wie er bei einem Besuch in China 2007 zu hören bekam, „dass die kanadischen Banken vielleicht dröge und zu risikoscheu“ seien. Als er vor zwei Wochen wieder dort gewesen sei, hätten einige der selben Gesprächspartner betont: „Sie haben ein sehr solides, stabiles Bankensystem in Kanada.“ Von mangelnder Risikofreude habe niemand mehr gesprochen.
Die kanadischen Banken sind auch deshalb stabil, weil sie stärker reguliert werden. Während Europa und die USA in den vergangenen 15 Jahren die Zügel lockerten, machte Kanada nicht mit. Zudem haben seine Banken eine höhere Eigenkapitalbasis als amerikanische oder europäische. Die kanadischen Institute erlebten auch keine Hypothekenkrise, weil sie auf die Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden achten mussten, statt zweifelhafte Kredite zusammenzupacken und zu verscherbeln.
Der kanadische Markt wird von fünf großen Banken beherrscht, und die Aufseher kennen jeden der Top-Manager persönlich. „Unsere Banken wurden einfach besser geführt, und wir hatten eine bessere Regulierung“, sagte der ehemalige Premierminister Paul Martin, der es als Finanzminister in den 90er Jahren geschafft hatte, ein enormes Haushaltsdefizit auszugleichen. „Ich war vollkommen verblüfft über Spitzenbanker in den Vereinigten Staaten und Europa, die das Ausmaß des Problems nicht kannten oder die nicht wussten, dass Leute in irgendeiner entlegenen Abteilung solche Sachen machen. Es ist einfach nicht zu glauben“, sagte er der AP.
Die konservative Regierung unter Stephen Harper, die Martins Liberale 2006 ablöste, hielt im Großen und Ganzen an seinem Kurs fest, obwohl Steuersenkungen und stimulierende Staatsausgaben in der Rezession Kanada wieder ein Defizit in Rekordhöhe bescherten. Doch das Land schneller als andere von der Flaute. Der Internationale Währungsfonds erwartet, das Kanada als einziger der sieben großen westlichen Industriestaaten bis 2015 wieder schwarze Zahlen schreibt.
Osborne will sich beim Stopfen der britischen Haushaltslöcher ein Beispiel an den Kanadiern nehmen. „Sie haben die besten Köpfe innerhalb und außerhalb der Regierung zusammengebracht, um die Rolle des Staates grundlegend zu überdenken“, sagte er in einer Rede.
Als die Liberalen 1993 an die Regierung kamen, standen sie mit einem Defizit von 30 Milliarden Dollar da. Die Ratingagentur Moody's stufte Kanada zwei Mal herab. Rund 36 Prozent der Staatseinnahmen gingen für den Schuldendienst drauf. „Unsere Situation war düster. Kanada hatte damals große Schwierigkeiten“, sagte Martin. „Wenn wir unser Gesundheitswesen und unser Bildungssystem erhalten wollten, mussten wir etwas tun.“ Als Finanzminister strich er die Ausgaben zusammen. Eine schwache Währung und eine starke US-Wirtschaft halfen. Im Haushalt 1998 führte die Regierung rund 55 Prozent des Defizitabbaus auf das Wirtschaftswachstum und 35 Prozent auf Ausgabenkürzungen zurück.
„Der Rest der Welt denkt sicherlich, dass man sich an uns ein Beispiel nehmen sollte“, sagte Martin. „Ich bin von vielen Ländern gefragt worden, wie man da herangeht.“ Europa und die USA hätten es heute nicht so einfach, weil das Wirtschaftsklima Ende der 90er besser gewesen sei, meinte sein damaliger Haushaltsexperte Don Drummond. „Man kann von Kanada eine Menge lernen, doch ihre Ausgangsbedingungen sind schlechter“, sagte er. „Obwohl wir am Abgrund einer Krise standen, waren wir nicht in so schlechter Verfassung, wie viele von ihnen es sind.“ (AP)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
EU-Transparenz-Initiative gegen Vertrauenskrise an Finanzmärkten
(17.06.2010)
Kanadische Regierung baut künstlichen See für G-8
(08.06.2010)
G-20 fordert wesentlichen Beitrag der Banken
(06.06.2010)
G-20 wollen Banken stärker kontrollieren
(05.06.2010)