Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
19.02.2011
Foto: Bernd Kregel
Die „Königin der Adria“ zeigt sich in den Wintermonaten zumeist spröde. Doch selbst wenn zu dieser Zeit ihre Accessoires vor allem aus Hochwasser, Schneetreiben und Nebelschleiern bestehen, ist sie von unwiderstehlichem Charme. Um wie viel mehr noch muss sie beeindrucken, wenn sie sich als Gastgeberin des Karnevals herausputzt mit einem bunten Maskentreiben, in dem Phantasie und Kreativität sich gegenseitig übertreffen?
Zum Beispiel am Abend, wenn dunkle Gestalten vorüber huschen, stumm und zielstrebig, die Gesichter verborgen hinter stilvoll gestalteten Masken. Ein kühler Wind weht herüber von der Lagune und verteilt sich in den Gässchen und Kanälen. Auf den Brücken erfasst er die wallenden Gewänder, die er wie aufgeblähte Segel vor sich hertreibt auf ein gemeinsames Ziel hin.
Auf dem Markusplatz strömen sie zusammen, dem größten Theaterplatz der Welt. Lange Säulenreihen laufen hier zu auf die prächtige Fassade der Markusbasilika. Eine unübertroffene Kulisse für den „Carnevale di Venezia“, der nun mit illustren Figuren die Bühne füllt. Denn schon verbreitet sich galante Musik, deren Schall – vorbei am Campanile, dem Glockenturm des Markusdoms – hinaufgetragen wird in den pergamentfarbenen Abendhimmel, an den sich nun ein Stern nach dem anderen heftet.
Schnell verwandelt sich das anfängliche Schreiten in Tanzbewegung, einer Mischung von Ausgelassenheit und feierlicher Würde. Denn jeder der Anwesenden weiß sich in großer Tradition, hier am ehemals einflussreichsten Zentrum irdischer Macht zwischen Orient und Okzident.
Aufhebung der Standesunterschiede
Seit jeher stand im alten Venedig mit dem Anbruch des Karnevals die Welt Kopf. Denn durch die mit ihm einher gehende Maskerade und Verkleidung konnten für kurze Zeit die strengen Standesunterschiede aufgehoben werden. Wenn jedoch keine Schranke mehr galt und keine Autorität dem karnevalistischen Treiben Einhalt gebot, war es sogar Mönchen, Priestern und Nonnen möglich, sich im Schutze einer Larve unter das festfreudige Volk zu mischen.
Im Rückblick wird zudem deutlich, was Karneval von seinem Ursprung her ist: ein Bacchanal, das die Angst vor dem Tod, vor der Kälte hinweglacht, hinwegtanzt, hinwegküsst. Der Winter muss überwunden, die Sonne beschworen werden – und das vermag nur das Leben in seiner unverstellten menschlichen Form. Nirgendwo in Europa geschah dies so nachdrücklich wie in Venedig.
So wurde der Karneval Jahrhunderte lang mit Pomp und Phantasie zelebriert, gleichsam als Essenz der Freiheit in einem Staatswesen, das jeden Vorgang lückenlos kontrollierte. Aus diesem Grund erschien er auch Napoleon nach der Einnahme der Stadt als unberechenbar, ja unheimlich, und es erscheint selbst aus heutiger Sicht nicht verwunderlich, dass er das ausgelassene Spektakel kurzerhand verbot.
Daher kam es einem kleinen Wunder gleich, als sich vor gut dreißig Jahren der venezianische Karneval nach fast zweihundertjährigem Tiefschlaf explosionsartig in Erinnerung brachte. Vor allem waren es die Künstler, die ihn mit poetischen, theatralischen und populären Attraktionen zu neuem Leben erweckten, Theaterleute, Maler, Bildhauer. Und ihre Initiative wurde ein großer Erfolg weit über die Stadtgrenzen Venedigs hinaus.
Buntes Maskentreiben
Zweifellos ist es vor allem ihre starke Präsenz, die bis heute dem venezianischen Karneval seine besondere Schönheit verleiht. Und überall findet man neben den prunkvollen Phantasiefiguren die klassischen Masken der „Commedia dell’arte“, die einst aus dem Karnevalstreiben hervorging und den Karneval alsbald mit den von ihr entwickelten Figuren bereicherte: Pantalone, Arlecchino, Colombina, Pulcinella wie beispielsweise Goldoni sie beschrieb, wie sie als Verkörperung von Bosheit, Lebenslust, Dummheit und Esprit zur Karnevalszeit die Liebenden umkreisen. Man kann sich heute noch ihre Masken und damit ihre Biographien überstülpen und sich damit in das Abenteuer des Straßentheaters hinein begeben.
Denn die Maske schützt und verbirgt. Oder sie schafft eine völlig neue Identität und gibt damit die Möglichkeit, eine andere Rolle als die eigene zu spielen. Durch die Maske getarnt können sich wie einst die geheimsten Träume und Wünsche, Sehnsüchte und Leidenschaften voll entfalten. Und schon immer half sie, Unzufriedenheit ungestraft auszudrücken, Kritik zu äußern, die etablierten Mächte lächerlich zu machen.
Und doch unterscheidet sich der Carnevale di Venezia nicht unerheblich vom rheinischen Karneval. Denn wegen fehlender breiter Straßen gibt es hier kaum Umzüge. Der Menschenstrom presst sich durch enge, gewundene Gassen und öffnet sich erst wieder befreit im Rund der Plätze. Die ganze Stadt verwandelt sich während dieser Tage nicht nur in eine Bühne, sondern schreibt zugleich auch die Choreographie der Maskierten. Dabei sind die prächtigen Kulissen ringsum eine Folge des ungeheuren materiellen Reichtums, der einst an der Lagune gestapelt wurde. Er lieferte die Voraussetzung für den Kunstreichtum, der hier allenthalben als Dekoration zur höheren Ehre der Dame Venezia zu finden ist.
Und die einstige Kreativität steckt heute noch an. Denn der venezianische Karneval lebt nicht von Inszenierungen, sondern von den Ideen der aktiven Teilnehmer, die sich besonders eindrucksvoll auf den Holzstegen vor dem Dogenpalast präsentieren, stets umlagert von Fotografen, für die sie inmitten schwankender Gondeln geduldig posieren.
Denn immer noch triumphiert die Phantasie über genormtes Plastik. Selbst die magischen Tiermasken, die heidnische Dämonen auferstehen lassen, zeigen sich in venezianischer Eleganz. Besonders aber die erotischen Kostüme sind es, voller Witz und Geschmack, die alles Interesse auf sich ziehen. Vor allem die Blicke der vom Festland angereisten Tagesgäste, die sich plötzlich in einer ganz anderen Welt wiederfinden.
So ist die Stadt nicht nur Bühne, sondern zugleich auch Muse, die den einzelnen inspiriert, sich selbst zu inszenieren. Denn bei perfekter Kulisse und Ausleuchtung ist jeder sein eigener Regisseur, Schauspieler, Maskenbildner und Kostümschneider. Und wird somit selbst ein kleines Gesamtkunstwerk, passend zur prächtigen Fassade oder dem morbiden Charme, den der Zahn der Zeit davon übrig gelassen hat.
Karnevalistische Ekstase am Canal Grande
Ist am nächsten Morgen der nächtliche Spuk verflogen, ergreifen die Tauben wieder Besitz vom Markusplatz. Und der scheint im schräg einfallenden sanften Morgenlicht zu sagen: „Schaut her auf das Herz der erhabensten und vornehmsten aller Städte!“ Doch zugleich lockt das bunte Leben am Canal Grande, der unweit vom Dogenpalast aus dem engeren Stadtbereich heraustritt. Vorbei an einer Landspitze, die sich wie der Bug einer riesigen Galeere ins Wasser schiebt, eindrucksvoll gekrönt von der Kuppel der Kirche Santa Maria della Salute, einem Prunkstück des Barock.
Karnevalistische Ekstase lässt jedoch auch die Morgenstunden nicht ungenutzt verstreichen. Neue Masken und farbenprächtige Kostüme nähern sich zu Wasser, zu Lande - und sogar auf luftigen Balkonen sind sie in dekorativer Pose zu entdecken. Besonders von einer Gondel aus zeigt sich die Stadt nun voller mediterraner Lichtwunder.
Denn die Lichtstrahlen haben den Morgendunst längst vertrieben und spiegeln sich in den verspielten Fassaden der Palazzi. Gelegentlich fällt der Blick in einen ihrer prächtigen Prunksäle. Dann lässt sich nur erahnen, wie stilvoll und formvollendet es abends zugehen mag, wenn sich eine vornehme Festgesellschaft hier einfindet und die Türen vor neugierigen Blicken hinter sich verschließt.
Gewundene Nebenkanäle führen schließlich hinüber zur Rialto-Brücke, wo sich jetzt das karnevalistische Treiben voll entfaltet: auf dem Brückenbogen, auf ihren Treppenstufen und in den Cafés direkt am Wasser, wo die Gondeln zwischen Pfählen gelassen auf den Wellen tanzen. Fast so, als wolle die „Serenissima“ auch an dieser Stelle den Beweis erbringen für die Einmaligkeit ihres betörenden Maskenfestes.
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