Aktuelle Nachrichten – Umwelt
04.05.2010
Foto: Gerald Herbert/AP Photo
Gulfport/USA (apn) Die Ölpest im Golf von Mexiko gefährdet ein einzigartiges Ökosystem, dem Natur und Mensch schon seit Jahrzehnten zusetzen – und das ausgerechnet zu einer Jahreszeit, zu der viele bedrohte Tierarten hier ihre Jungen aufziehen. Auf 1,6 Millionen Quadratkilometern erstrecken sich im „amerikanischen Mittelmeer“ Marschen und Korallenriffe, tummeln sich Wale und Haie, Delfine und Schildkröten, Pelikane und Seeregenpfeifer, von Fischen und Austern und Krustentieren ganz abgesehen. Der heranschwappende Ölteppich bedroht ihre Nahrung und ihre Laich- und Brutplätze.
Das Bohrinsel-Unglück „hätte zu keinem schlechteren Zeitpunkt passieren können“, meint Carole Allen vom Sea Turtle Restoration Project, das sich um die Rettung von Meeresschildkröten bemüht. Wissenschaftler vermögen noch nicht einzuschätzen, wie groß der Schaden für die Gewässer und Feuchtgebiete und die teils vom Aussterben bedrohten Tierarten sein wird. An den Stränden im US-Staat Mississippi wurden in den letzten Tagen 30 tote Meeresschildkröten gefunden, doch Untersuchungen ergaben keinen Hinweis darauf, dass sie am Öl eingegangen sind. Dennoch machen sich Biologen große Sorgen.
„Hören Sie das?“, fragt der Vogelkundler Mark LaSalle bei einem Strandspaziergang. Seine Stimme geht fast unter im Tschilpen und Pfeifen abertausender Zwergseeschwalben, die am Strand nisten. Die Region um Gulfport ist einer der größten Brutplätze der gefährdeten Seevögel. „Schauen Sie sich diese grauen Punkte da an. Das sind vielleicht 1.000 Vögel hier“, sagt LaSalle und deutet auf einen gut einen Kilometer langen Strandabschnitt. „Wenn das Öl hier den Strand erreicht, trifft es die Eier, und sie sind hinüber“, fürchtet er. „Und wenn die Fische verschwinden, verhungern sie.“
In dem vom Ölschlick bedrohten Gebiet könnten bis zu 5.000 Große Tümmler kalben, schätzt der Leiter des Meeressäuger-Forschungsinstituts in Gulfport, Moby Solangi. Während der Zeit des Kalbens kämen die Tiere von tiefen in flachere Gewässer, um ihre Jungen zu schützen. „Diese Tiere werden aus reiner Neugier in den Ölteppich rein und wieder raus schwimmen“, fürchtet er. Auch die jungen Garnelen, ein wichtiger Bestandteil der maritimen Nahrungskette, sind kurz davor, von den Mündungsgebieten ins offene Meer zu wandern – mitten durch den Ölschlick.
Die Karibische Bastardschildkröte, eine vom Aussterben bedrohte Art, legt ausschließlich an den Stränden des Golfs in Texas und Mexiko ihre Eier ab. „Und die gesamte Population hält sich jetzt gerade im Golf von Mexiko auf“, wo sie in den kommenden Monaten brüten, warnt der Biologe Larry Crowder. „Wenn die Bastardschildkröten großes Pech haben, dann sind sie weg.“
Die Gegend zwischen Louisiana und Florida zählt zu den artenreichsten Lebensräumen. Das warme Klima verlängert die Brutzeit von Fischen und anderen Meerestieren; die Küstengewässer, Marschen und nährstoffreichen Mündungsgebiete mit ihrer üppigen Vegetation bieten reichlich Laichplätze und Nahrung.
Dabei geht es mit der Golfregion schon seit Jahren bergab. Chemikalien aus der Landwirtschaft, die in den Mississippi gelangen, haben den Nährstoffeintrag im Mündungsgebiet dermaßen erhöht, dass sich Jahr für Jahr vor Louisiana und Texas eine gut 20.000 Quadratkilometer große „tote Zone“ bildet. Sie ist so arm an Sauerstoff, dass im Wasser kaum ein Tier überlebt. Zudem sind die Fanggründe überfischt, und die Marschen schwinden.
Fast 65 Quadratkilometer Feuchtgebiete gehen jedes Jahr verloren. Schuld ist die Erosion durch Wind und Wetter, aber auch der Bau von Deichen, die verhindern, dass der Mississippi neues Sediment anschwemmt. Mehr als 400.000 Hektar Feuchtgebiete sind im vergangenen Jahrhundert in der Region verschwunden. Die Behörde für Meeresschutz (NOAA) schätzt, dass die Küste von Louisiana bis 2040 bis zu 53 Kilometer weit landeinwärts wandern könnte. (AP)
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