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07.04.2009
Moskau – Marmorweiß strahlend und strotzend vor Blattgold, ist die Christ-Erlöser-Kathedrale weit mehr als das opulenteste Gotteshaus von Moskau. Der in den 90er Jahren als Replikat der unter Stalin gesprengten russisch-orthodoxen Hauptkirche entstandene Monumentalbau ist zugleich Symbol für den wachsenden politischen Einfluss des Moskauer Patriarchats. Zugleich ist hier die Zentrale eines florierenden, nach Expertenschätzung milliardenschweren Geschäftsimperiums.
Für zig Millionen russische Gläubige ist die orthodoxe Kirche in erster Linie eine heilige Institution, ein Grundpfeiler tausendjähriger Identität und Kultur. Der Tod des Patriarchen Alexi II. im Dezember wurde tief betrauert. Der Amtseinführung seines Nachfolgers Kirill im Februar wohnten Spitzenpolitiker bei. Die erste Kommunion aus der Hand des neuen Kirchenoberhaupts empfing Präsident Dmitri Medwedews Frau Swetlana.
Unvorstellbar zu Sowjetzeiten, da Gläubige wie Aussätzige behandelt und Geistliche zu Zehntausenden ihres Priesteramts enthoben und eingesperrt wurden. Jetzt ist die Kirche „zu einer ernstzunehmenden gesellschaftlichen Kraft geworden“, wie der frühere Staatschef Michail Gorbatschow der AP kürzlich sagte.
Kritiker jedoch halten dem Patriarchat vor, in den vergangenen Jahren dem Streben nach politischer Macht und geschäftlichem Erfolg einiges an geistlicher Autorität geopfert zu haben. Manche vergleichen die Kirche gar mit ihrem einstigen Erzfeind, dem Politbüro. Sie sei „zu einem autoritären und totalitären Gebilde“ geworden, urteilt Roman Lunkin vom Keston-Institut, das sich mit der Religion in der früheren Sowjetunion beschäftigt.
So wurde 2006 ein Priester, der die Inhaftierung des früheren Ölmagnaten und Putin-Kritikers Michail Chodorkowski verurteilte, amtsenthoben und zur Bewachung eines kircheneigenen Ladens abgestellt. Nach kirchlicher Lesart hatte das nichts mit Politik, sondern mit der „Disziplin“ des Priesters zu tun. Bischof Diomid von Tschukotka, der Alexi II. Unterwürfigkeit dem Kreml gegenüber vorwarf, wurde voriges Jahr zum einfachen Mönch degradiert.
Exkommuniziert wurde 1997 der Priester und frühere Politiker Gleb Jakunin: Er hatte eine amtliche Kommission geleitet, die zu dem Schluss kam, dass die meisten Kirchenfürsten einschließlich Alexis und seines späteren Nachfolgers Kirill Zuträger des KGB gewesen waren. Die Kirche hat derartige Vorwürfe stets als „vollkommen unbegründet“ zurückgewiesen.
„Leider ist die orthodoxe Christenheit antidemokratisch und bejubelt autoritäre Herrschaft“, sagt Jakunin, der für seine Kritik an der Religionspolitik der Sowjets viele Jahre im Gulag zubrachte. Heute leitet der 74-Jährige die Apostolische Orthodoxe Kirche, eine Splittergruppe, die in Russland wie in Weißrussland von der Obrigkeit schikaniert wird.
Trotz der verfassungsmäßigen Trennung von Staat und Kirche schmiedeten Präsident Boris Jelzin und sein Nachfolger Wladimir Putin mit der orthodoxen Kirche ein politisches Bündnis, das Medwedew fortsetzt. Kirill wird von Sicherheitsleuten des Kremls eskortiert und steht auf Platz sechs der Liste staatlicher Würdenträger. Die Kirche sei zum „Ministerium für Seelenrettung“ geworden, sagt Stanislaw Belkowski, ein politischer Beobachter mit guten Verbindungen zum Kreml.
Führende Kirchenvertreter haben Kürzungen von Sozialleistungen an Alte gebilligt, die Jugend zum freiwilligen Militärdienst in Tschetschenien aufgerufen und neue Kriegsschiffe und Atomraketen gesegnet, die sie als „Russlands Schutzengel“ bezeichneten. Sie stehen auch hinter der Auffassung, dass Russland mit seiner einzigartigen Geschichte sich nicht für eine liberale Demokratie westlichen Stils eigne.
Die Loyalität zahlt sich aus. Die Staatsduma erwägt ein Gesetz mit dem Ziel, der Kirche bis zu drei Millionen Hektar verstaatlichte Ländereien zurückzugeben. Die Behörden gewähren Zuwendungen, Steuervergünstigungen und Ausnahmeregelungen. Besonders Moskauer Stellen helfen mit Druck auf Privatunternehmen, Geld für Vorhaben wie den Wiederaufbau der Christ-Erlöser-Kathedrale aufzutreiben. Die Koppelung von Kirche und Kommerz zeigt sich in der Kathedale selbst: Sie beherbergt neben einem unterirdischen Parkhaus und mietbaren Tagungsräumen auch eine Reinigung sowie Geldautomaten.
Die Kirche muss ihre Geschäftszahlen nicht offenlegen. „Alle ihre Geldströme fließen im Dunklen“, kritisiert Sergej Filatow, Religionswissenschaftler an der Moskauer Universität. Nikolai Mitrochin, Leiter eines Forschungsinstituts für Studien über Glaubensgemeinschaften in der ehemaligen Sowjetunion, schätzt die jährlichen Einnahmen auf mehrere Milliarden Dollar.
Nach Mitrochins Angaben hat die Kirche ihr Vermögen in den 90er Jahren durch den Handel mit Tabak und Alkohol, durch Öl- und Stör-Export, den Bau von Einkaufszentren und Hotels sowie durch Juweliergeschäfte aufgebaut. Außerdem betreibt sie Verlage und Biobauernhöfe, vom Devotionalienverkauf gar nicht zu reden.
Kirchensprecher Wsewolod Chaplin bestätigt, dass das Patriarchat mancherlei Unternehmungen führt. Doch weder das Tabak- noch das Ölgeschäft seien profitabel gewesen, und die Kirche habe nichts mehr damit zu tun. Er weist auch den Vorwurf zurück, die Geschäfte hätten den spirituellen Auftrag der Kirche untergraben. „Ich sehe nichts Abträgliches daran, wenn die Kirche in diese Art von Tätigkeit investieren kann“, sagt er. (AP)
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