Aktuelle Nachrichten – Deutschland
04.10.2010
Foto: Michael Gottschalk/dapd Photo
Berlin – Ein "konservativer Reformer" hat sich in den politischen Ruhestand verabschiedet. Für immer, versichert Roland Koch, 52 Jahre alt, ehemaliger Ministerpräsident von Hessen und scheidender CDU-Vizevorsitzender. Als "eine Art persönliches Abschiedsgeschenk" übergab er am Montag der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel ein Buch, ein Koch-Buch sozusagen. Auf 220 Seiten schreibt er seiner Partei unter dem Titel "Konservativ" ins Stammbuch: "Ohne Werte und Prinzipien ist kein Staat zu machen."
Bundeskanzlerin Merkel hat sich als Laudatorin in die Pflicht nehmen lassen. Sie ist voll des Lobs über ihren politischen Mitstreiter. Koch waren viele Jahre lang Ambitionen aufs Kanzleramt nachgesagt worden, Jetzt hat er sich zum Wechsel in die Wirtschaft entschieden. "Und ich werde diese Entscheidung nicht korrigieren", versichert er.
Bei seiner "Pensionierung als Politiker" will Koch zwischen sich und der "lieben Angela" keine Trennwände aufbauen. Merkel, der zu Zeiten der großen Koalition vorgeworfen wurde, sie betreibe eine Sozialdemokratisierung der CDU, sei ihm in der öffentlichen Wahrnehmung näher als vermutet. Der 52-Jährige verweist auf eine Umfrage, wer als konservativ gilt. "Da ist mein Vorsprung Dir gegenüber äußerst begrenzt."
Merkel sagt, wenn Koch als konservative Tugenden Verbindlichkeit und Gelassenheit anführe, dann habe sie auch etwas davon. Sie erinnert an ihren Wahlspruch: "In der Ruhe liegt die Kraft." Auch beim Thema Familie liege sie ganz auf seiner Linie. Die CDU müsse wieder ein deutliches Bekenntnis zur Ehe abgeben, fordert Merkel und macht deutlich, was sie nicht will: kostenloses Frühstück für Schüler. Die Eltern sollten aufstehen, ihren Kindern ein Brot schmieren und einen Kakao machen. Wenn dies nicht geschehe, müsse man bei den Eltern ansetzen, nicht bei den Kindern.
Merkel will alle drei Wurzeln ihrer Partei gleich stark berücksichtigt wissen, die christlich-soziale, die liberale und die konservative. Aber sie meldet auch Kritik an den Konservativen im eigenen Lager an. Sie müssten die Umweltpolitik auf ihre Fahnen schreiben, verlangt die Kanzlerin. Beim Thema Patriotismus dagegen habe sie selbst Nachholbedarf.
Während ihrer Bildungsreise in Baden-Württemberg sei die Frage gestellt worden: Was ist Heimat? Merkel schrieb: See und Wald und Kirchturm. Kinder aus Ausländerfamilien antworteten: Freunde, Familie, eigenes Bett. "Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt", sagt Merkel. Sie stelle sich die Frage, ob der Begriff Heimat neu definiert werden müsse.
Zwei kritische Anmerkungen kann sich auch die CDU-Vorsitzende nicht verkneifen. So gebe Koch erst auf Seite 216 eine Antwort darauf, warum er das Buch überhaupt geschrieben habe. Dort heißt es im Schlusswort: "Ich habe dieses Buch vor allem deshalb geschrieben, weil ich es in meiner Arbeit oft als Mangel verspürt habe, dass ich zu kurzatmig und tagesbezogen auf die Frage nach dem konservativen Kern geantwortet habe." Und das Thema Religion kommt nach Merkels Ansicht bei Koch zu kurz: "Da möchte man eigentlich weiterlesen, und da hört das Buch auch schon auf."
Auf die beiden Mahnungen, die Koch an den Schluss seines Buchs gestellt hat, geht Merkel nicht ein. Der Hesse sieht zwei Gefährungen durch Populismus. So verführten Umfragen dazu, es allen Recht machen zu wollen, was aber in der Regel unmöglich sei. Darüber hinaus forderten viele Menschen zwar Veränderungen im ganzen Land, aber in ihrer unmittelbaren Umgebung wollten sie in jeder Hinsicht ihre Ruhe. "Das ist nicht konservativ, es ist kurzsichtig und kleinkariert", urteilt Koch.
"Die Konservativen leben noch", lautet sein Credo. "Sie wissen nur nicht mehr so genau, warum." Koch wirbt für Maß und Mitte. Er hält die Konservativen und sich selbst aber nicht für den Nabel der Welt. Doch der Nabel sitze nun mal in der Mitte, erklärt er und schlussfolgert. "Wenn die Konservativen nicht mehr da sind, ist der Nabel nicht mehr in der Mitte."
(Das Buch "Konservativ" erscheint im Herder-Verlag – ISBN978-3-451-30441-5 – und ist ab 7. Oktober lieferbar. Es hat 220 Seiten und kostet 17,95 Euro)
dapd)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte
Bouffier als Stellvertreter Merkels nominiert
(11.09.2010)
CDU-Politiker Bouffier neuer hessischer Ministerpräsident
(31.08.2010)
Abschied von einem „Homo Politicus"
(31.08.2010)
Koch verlässt die Politik – Bouffier zum Nachfolger bestimmt
(25.05.2010)