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Kosmische Blitze statt Schäfchen zählen

Nils Weisensee

20.07.2006

Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert am Donnerstag, 20. Juli 2006, im Europaeischen Satelliten-Kontrollzentrum in Darmstadt mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter, der sich zur Zeit an Bord der Weltraumstation ISS befindet. (AP Foto/Michael Probst)
Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert am Donnerstag, 20. Juli 2006, im Europaeischen Satelliten-Kontrollzentrum in Darmstadt mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter, der sich zur Zeit an Bord der Weltraumstation ISS befindet. (AP Foto/Michael Probst)

Darmstadt - Nervös schaut die Bundeskanzlerin auf das weiße Telefon auf dem Tischchen vor ihr. Dabei ist das Weltraumtelefonat mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter für sie ein Heimspiel: Die promovierte Physikerin weiß, worum es in der Wissenschaft geht. Vielleicht fragt sie deshalb nicht nach den Ergebnissen der Mission, als die Leitung zur Internationalen Weltraumstation ISS endlich steht. «Die Forschung lebt davon, dass man das Ergebnis noch nicht kennt, wenn man anfängt», sagt die Kanzlerin.

Als spröde Wissenschaftlerin will Merkel jedoch nicht auftreten: Zu hart hat sie an ihrem Imagewechsel von der langweiligen Technokratin zur freundlichen Landesmutter gearbeitet. «Hatten Sie schon Zeit, Gitarre zu spielen», fragt sie Reiter, nachdem sie in wenigen Sätzen die wissenschaftlichen Gründe für dessen Weltraummission «Astrolab» abgehakt hat. Nein, antwortet Reiter und erzählt vom Nickerchen im Schwebebett, in dem er «ganz wunderbar» schläft. «Statt Schäfchen kann man dort kosmische Lichtblitze zählen», scherzt er. Merkel lacht.

Auf Russisch begrüßt die Kanzlerin die Besatzung der ISS und verwirrt damit nicht nur Reiter, sondern auch die mehr als 200 Journalisten und Mitarbeiter der Europäischen Weltraumagentur ESA, die dem Weltraumtelefonat lauschen. «Herzliche Grüße in die weite Ferne», wünscht sie. «Toll, was die Technik heute möglich macht.»

Erst der hessische Ministerpräsident Roland Koch will es wissen und fragt Reiter nach den Ergebnissen seiner Weltraumreise - umsonst: «Es lässt sich schwer vorhersagen, wo wir vorankommen», antwortet der Astronaut. «Experimente sind wie Mosaiksteinchen.» Die Wissenschaftlerin Merkel lächelt. Es sei wichtig, dass Deutschland und die europäischen Nachbarn ihren Beitrag zur Raumfahrt leisteten, ohne ständig aufs Budget zu schauen, sagt sie im Anschluss an das Telefonat. «Raumfahrt hat immer noch eine Faszination, aber sie hat auch ihren Wert.» Dass Deutschland drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Forschung und Entwicklung investiere, sei deshalb richtig. «Wenn wir keine Forschung betreiben, wird es verdammt langweilig, und andere werden es machen.»

Weltraumspaziergang vermutlich am 3. August

Reiter stimmt zu: «Jede Sekunde Training ist die Mühe wert, nur um hier hoch zu kommen.» Voraussichtlich am 3. August soll er einen Weltraumspaziergang unternehmen. «Frische Luft holen», nennt ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain die Aktion.

Reiter hält sich seit rund zwei Wochen auf der Raumstation auf. Insgesamt soll er sechs Monate auf der ISS verbringen, Experimente durchführen und das Andocken der Laborstation «Columbus» im Jahr 2007 vorbereiten.

Vor dem Telefonat hätten sich Merkel und Koch über die Vorbereitungen für den Start des Wettersatelliten «MetOp» und andere ESOC-Projekte informiert, teilte die ESA mit. Das Satellitenkontrollzentrum ESOC ist für die Steuerung aller Satelliten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA zuständig. Seit 1967 wurden von dort aus mehr als 50 Satellitenmissionen gesteuert.

(AP)

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