Aktuelle Nachrichten – Deutschland
12.05.2011
Foto: Daniel Maurer/dapd Photo
Stuttgart – Seinen Platz in der Parteigeschichte der Grünen hat Winfried Kretschmann bereits sicher. Der 62-Jährige mit dem markanten Bürstenhaarschnitt ist erster Ministerpräsident seiner Partei, noch dazu in einem der erfolgreichsten Flächenländer Deutschlands. Kretschmann weiß, dass die Erwartungshaltung vieler an seine Regierung groß ist.
Seit 1980 gehört Kretschmann dem Landtag an, 1986 sammelte er kurzzeitig unter Joschka Fischer im hessischen Umweltministerium etwas Regierungserfahrung als Leiter der Grundsatzabteilung. Von seinen jetzigen grün-roten Kabinettsmitgliedern in Stuttgart stand noch niemand in Regierungsverantwortung. Was manche zur Frage bringt: Können die das überhaupt?
Sogar von der Opposition beantworteten zwei Abgeordnete diese Frage am Donnerstag für sich mit Ja und votierten in geheimer Abstimmung im Stuttgarter Landtag für Kretschmann als Regierungschef. Bei seiner eigenen Partei ist die Erwartungshaltung an der neuen Ministerpräsidenten extrem hoch – gerade was die Zukunft des umstrittenen Bahnprojekts "Stuttgart 21" betrifft.
Obwohl die baden-württembergischen Grünen als ein zur politischen Mitte tendierender Landesverband gelten, taten sich viele Parteigänger in der Vergangenheit schwer mit dem Realo Kretschmann. Es bleibt abzuwarten, wie es dem Regierungschef künftig gelingt, in der von 17 auf 36 Abgeordnete gewachsenen Grünen-Fraktion, der auch einige politisch unerfahrene und erklärte linke Abgeordnete angehören, Mehrheiten zu organisieren.
Zumal Kretschmann ja von seinem ganzen Wesen her ein konservativer Politiker ist. Der 62-Jährige ist bekennender Katholik und betont, dass konservativ von bewahren komme und es Ziel seiner Politik sei, die Schöpfung zu bewahren. Er ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und im Diözesanrat des Erzbistums Freiburg. Mit seiner Familie lebte er bislang im Sigmaringer Ortsteil Laiz, wo er im Kirchenchor sang. Außerdem gehört er einem Wanderverein an und feiert mit der Narrenzunft Gole Riedlingen. Bevor er sich der Politik verschrieb, war er als Biologielehrer tätig.
Seine Bodenständigkeit trug maßgeblich dazu bei, dass viele konservative Wähler ihn als Alternative zu Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) wahrnahmen und bei der Landtagswahl am 27. März für die Grünen stimmten – auch wenn Kretschmann mit seiner sperrigen Art deutlich weniger medienwirksam ist als andere Parteikollegen.
Lange hatte Kretschmann mit dem Gedanken geliebäugelt, ein Bündnis mit der Union einzugehen. Schließlich sei man früher nicht an der CDU vorbei gekommen, um eine Machtoption zu haben, gab er unumwunden zu. Doch mit der Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke habe die Union einen "historischen Fehler" begangen.
Kretschmann hat angekündigt, die Energiewende im Land voranzutreiben, eine Bildungsreform zu initiieren und die Bürger an Entscheidungen stärker zu beteiligen. Doch auch seine bisherigen Schwerpunktthemen solide Haushaltspolitik und Finanzplanung hat er fest im Auge. Nicht zuletzt die angestrebte Haushaltskonsolidierung verbindet ihn inhaltlich mit SPD-Landeschef Nils Schmid, der künftig stellvertretender Regierungschef und Wirtschafts- und Finanzminister ist.
Dass Kretschmann ein unbequemer Politiker ist, mussten zuletzt vor allem seine politischen Weggefährten erfahren. Obwohl der Grünen-Parteitag eine Pkw-Maut klar abgelehnt hatte, sagte er in einem Interview, dass er dies für eine interessante Überlegung halte. Sein Sprecher betonte, dass Kretschmann wohl auch künftig nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg halten werde.
Oft zitiert Kretschmann die Philosophin Hannah Arendt. Er sagt dann Sätze wie: "Der Sinn von Politik ist Freiheit." Kretschmann vermittelt den Eindruck, die Macht nicht um ihrer selbst Willen anzustreben, sondern sie als Mittel zur Veränderung zu benötigen. "Ministerpräsident war nie mein Lebenstraum. Wenn man in der Politik ist, muss man aber die Ämter, die auf einen zukommen, auch selbstbewusst annehmen." Nun ist das Amt zu ihm gekommen.
(dapd)
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