Frankfurt/Main – Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) steht wegen seiner frühen Absage an einen möglichen Olympia-Boykott zunehmend in der Kritik. „Es war unnötig, so früh zu sagen, dass es keinen Boykott geben soll“, sagte der mit dem Dalai Lama befreundete hessische Ministerpräsident Roland Koch der „Welt am Sonntag“. DOSB-Ehrenpräsident Manfred von Richthofen erklärte: „Dieses unsensible Vorgehen macht mich betroffen.“
Der CDU-Politiker Koch sagte, er finde auch, „dass das Stattfinden der Olympiade eine größere Chance für die tibetische Sache ist als der Boykott. Aber es gibt eine kritische Grenze.“ So hätte man nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 keine Olympiade machen können, sagte Koch.
In der konstituierenden Sitzung des hessischen Landtags am Samstag rief Alterspräsident Horst Klee (CDU) kaum verhüllt zum Boykott der Olympischen Spiele auf. „Wer ein friedliebendes Volk niederknüppelt und niederschießt, hat die Olympischen Spiele nicht verdient“, sagte Klee unter dem Beifall des ganzen Hauses. Es sei ein Armutszeugnis, dass das IOC zu den Vorgängen in Tibet schweige.
Von Richthofen sagte dem „Tagesspiegel am Sonntag“, das IOC müsse „endlich zu einer klaren Sprache finden“. „Die Einschränkungen der Religionsfreiheit und „die menschenverachtenden Vorgänge in Tibet müssen deutlich verurteilt werden“. Mit seiner Kritik am DOSB kritisierte von Richthofen auch seinen Nachfolger Thomas Bach, der DOSB-Chef und gleichzeitig IOC-Vizepräsident ist. „Diese Doppelfunktion macht eine deutliche Sprache nicht einfacher“, sagte von Richthofen.
Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), sprach von einem verfrühten und damit falschen Signal des DOSB. „Die Botschaft an China lautet: Wir kommen, egal, was passiert.“ Polenz forderte Athleten auf, ihre Meinung auch während der Spiele kundzutun, allerdings außerhalb der Wettkämpfe. Das IOC hatte Sportlern, die in Wettkampfstätten protestieren, mit einem Ausschluss gedroht. „Das IOC sollte nicht vorsorglich Sportlern sagen, was sie nicht tun sollen“, forderte Polenz. Wichtiger sei, „den Chinesen ständig zu sagen, was sie für die Menschenrechte tun sollen“.
Das IOC-Mitglied Walther Tröger will sich für Gefangene einsetzen, die wegen ihrer Kritik in Zusammenhang mit den Spielen in Peking in Haft sitzen. Im Deutschlandfunk sagte Tröger, er sei dafür, „dass das IOC bei Exzessen dieser Art, die in direktem Zusammenhang mit den Olympischen Spielen stehen, eingreift“. Er sei „sicher, daß das IOC dies auch tut“.
Unterdessen warnte der Dissident und Chef des unabhängigen chinesischen PEN-Clubs, Liu Xiaobo, vor einem Olympia-Boykott. „Wenn die Spiele misslängen, bekäme das den Menschenrechten nicht gut“, sagte Liu laut „Spiegel“. Peking hätte dann gar keinen Anreiz mehr, auf die Mahnungen aus dem Ausland zu reagieren. „Ohne Druck von außen wäre die Lage der Menschenrechte noch viel schlechter.“
Die Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast rief die Olympia-Sponsoren Volkswagen und Adidas auf, in China die Einhaltung der Menschenrechte zu fordern. „Auch Vorstandsvorsitzende können sich mit Arbeitsbedingungen in China auseinandersetzen. Sie können in Interviews einfordern, dass sie Meinungsfreiheit und Bewegungsfreiheit erwarten“, sagte sie der „Welt am Sonntag“. (AP)
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