Aktuelle Nachrichten – Kultur
14.11.2012
Foto: Mohammed Abed - Pool/Getty Images
„Musik ist eine Kunst von Klängen,
die alle Grenzen sprengt!"
Eines der größten musikalischen Genies unserer Zeit, der jüdische Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, feiert am 15. November 2012 in Berlin seinen 70. Geburtstag. Sein langjähriger Freund, der indische Dirigent Zubin Mehta, wird in der Berliner Philharmonie die Staatskapelle dirigieren, der Jubilar selbst spielt als Solist das 3. Klavierkonzert c-moll op. 37 von Ludwig van Beethoven und das 1. Klavierkonzert b-moll von Peter Tschaikowsky. Das Konzert wird ab 20:15 Uhr in ARTE-TV live übertragen.
Daniel Barenboim kam als Neunjähriger im Sommer 1952 erstmals zu den Salzburger Festspielen und erlebte unter Karl Böhm Mozarts „Die Zauberflöte“. Der kleine Daniel war mit seinen Eltern in einer abenteuerlichen Reise 50 Stunden von Buenos Aires nach Salzburg unterwegs. Im berühmten Café Tomaselli wollte die Familie Barenboim „verschnaufen“. Der völlig übermüdete Daniel wollte unter allen Umständen zu einer Aufführung ins Festspielhaus und schlich sich hinein. So groß war sein Drang nach Musik. Er wurde erst später schlafend in einer Loge ertappt. Es war Barenboims erster Kontakt mit einer Mozart-Oper.
Nur zehn Jahre später – er war 19 Jahre jung – spielte Daniel Barenboim mit den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm das 1. Klavierkonzert d-moll op. 15 von Johannes Brahms!
Daniel Barenboim gehört heute zu den Größten in der Musikwelt und sein Engagement für den Frieden in der Welt ist immens groß.
Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden auf Lebenszeit, Gründer und Chef des völkerverbindenden West-Eastern Divan Orchestra und ehemals langjähriger Chef des Chicago Philharmonic Orchestra, seit 2011 zusätzlich Direktor der Mailänder Scala, Ausnahme-Pianist, Sprachgenie, engagierter Humanist. In Buenos Aires als einziges Kind russisch-jüdischer Eltern geboren. Sein Vater Enrique (1912 – 1997) war sein erster und wichtigster Klavierlehrer. Als er zwölf war, lud ihn Wilhelm Furtwängler ein, in Berlin zu konzertieren. Aber der Vater fand, es sei noch zu früh für ein jüdisches Kind, neun Jahre nach dem Ende des Holocaust in Berlin aufzutreten. Die Familie lebte inzwischen in Israel. In Israel wurde das Wunderkind später zum enfant terrible, als er im Sommer 2001, als Zugabe eines Konzerts beim Jerusalem Festival, Musik aus Richard Wagners Tristan und Isolde dirigierte. Der Kulturausschuss des israelischen Parlaments erklärte Barenboim daraufhin zur Persona non grata in Israel. Er bekam Hausverbot in der Knesset, was insofern delikat war, weil ihm dort schon im Jahr zuvor der Wolf-Preis verliehen werden sollte, der nur an herausragende Wissenschaftler und Künstler vom israelischen Staats-präsidenten vergeben wird.
Daniel Barenboim hat Menschen beglückt und zur Weißglut getrieben, Hoffnung und Zorn hinterlassen. Im Mai 2004 brauchte Daniel Barenboim dafür vier Tage, vier Tage zwischen Ramallah und Jerusalem. Barenboim hatte kurz zuvor in Wien an acht Abenden sämtliche 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven im Goldenen Musikvereinssaal, dem sicherlich schönsten Konzertauditorium der Welt, gespielt, am 2. Mai in Athen wenige Wochen vor Eröffnung der Olympischen Sommerspiele das 1. Brahms-Klavierkonzert aufgeführt am 4. und 5. Mai in München alle vier Brahms-Sinfonien dirigiert und anschließend in Ramallah (Palästina) konzertiert und mit jungen Künstlern musiziert. Ein atemberaubendes Programm – das ist Barenboims Leben seit Jahrzehnten!
In Ramallah hatte Barenboim gesagt: „Als Musiker kämpfe ich gegen zwei Dinge: gegen zu viel Lärm und gegen die Stille. Lärm, das sind für mich Panzer, Bomben und die täglichen Gewaltandrohungen auf beiden Seiten. Stille ist das Schweigen der Mehrheit."
Vier Tage später, am Sonntag, dem 9. Mai 2004, im Israelischen Parlament, wo er den mit 50.000 US-Dollar dotierten Wolf-Preis entgegennahm, wurde er noch deutlicher. Schon im Vorfeld der Preisverleihung war es zu Protesten gekommen. „Israels Nobel-Preis“ wird von Staatsvertretern ausgehändigt, nicht aber verliehen. Der Parlamentsvorsitzende war der Zeremonie unter Protest fern geblieben, da er die Verleihung an Barenboim nicht verhindern konnte.
Der Juror, Professor Alexander Berg, sprach anschließend ebenfalls von einer Provokation. Er entfaltete während der Verleihung ein selbst gefertigtes Plakat, dessen Schriftzug „Musik macht frei“ an das „Arbeit macht frei“ der KZs erinnerte. Daniel Barenboim hielt seine Rede in hebräischer Sprache:
Lesen Sie die Rede vor der Knesset und den darauffolgenden Skandal auf Seite 2
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte
GENIALITÄT – die Kultivierung der Geisteskraft
(12.11.2012)
Franz Mohr - „Der Schutzengel der Pianisten“
(12.10.2012)
Michael Schwalbé - ehemaliger 1. Geiger der Berliner Philharmoniker gestorben
(11.10.2012)
„Walküre“ in der Berliner Staatoper im Schillertheater
(06.10.2012)
Über Liebe, Schuldgefühle und das kosmische Ja
(02.10.2012)
Der größte Raubzug – und niemand reagiert
(21.08.2012)
RESOLUTION – die Rückkehr zur Lösung
(02.07.2012)
Fulminanter „Don Giovanni“ mit Daniel Barenboim und Erwin Schrott
(25.06.2012)
Was unsere Welt im Innersten zusammenhält
(05.06.2012)
CONDITIO SINE QUA NON – unsere Bedingungswelt?
(05.06.2012)
Daniel Barenboim will Kommunikation im Orchester
(27.05.2012)
Der Flohwalzer, der kein Walzer ist
(11.03.2012)