Aktuelle Nachrichten – Panorama
07.07.2012
Foto: -/Tucholsky-Museum/dapd
Rheinsberg – 100 Jahre ist es her, dass Kurt Tucholskys Erzählung "Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte" erschien. Das Buch machte den Autor auf einen Schlag berühmt und bescherte dem kleinen Brandenburger Städtchen nordöstlich der Hauptstadt eine unverhoffte Verbindung zu dem Berliner Literaten, der bis auf einen kurzen Aufenthalt im Spätsommer 1911 nie in Rheinsberg war. Heute beherbergt das Rheinsberger Schloss das einzige Kurt Tucholsky-Museum in Deutschland.
Natürlich gehört auch eine Erstausgabe von "Rheinsberg" zu den Exponaten. In einem der Schaukästen liegt das in Leinen gebundene Büchlein. Darauf ist eine farbige Illustration mit einem jungen Paar zu sehen. Es stammt von Tucholskys Freund Kurt Szafranski.
Szafranski und Tucholsky hatten eine aufsehenerregende Verkaufsidee für das Buch: Sie mieteten einen Laden am Berliner Kurfürstendamm und boten jedem, der "Rheinsberg" kaufte, einen Schnaps gratis. Der Gag funktionierte: Mehrere Tageszeitungen berichteten darüber und der Verkauf lief an.
Nicht nur die Verkaufsstrategie, auch der Zeitpunkt des Erscheinens war günstig gewählt: 1912 wurde der 200. Geburtstag von Friedrich dem Großen gefeiert. Dieser hatte in Rheinsberg seine Jugend verbracht, so dass die Stadt ohnehin schon in das Licht der Öffentlichkeit gerückt war. "Tucholsky war eben ein cleverer Marketingstratege", sagt der Leiter des Tucholsky-Museums, Peter Böthig. "Er hätte ja auch nach Prenzlau fahren können".
Tatsächlich war Kurt Tucholsky nämlich ein Jahr zuvor in Rheinsberg gewesen und hatte dort mit seiner Freundin Else Weil ein paar Tage verbracht. Die Geschichte von Claire und Wolfgang basiert also auf einer wahren Begebenheit. Wie die Romanfigur Claire studierte die damals 22-jährige Else Medizin – als eine der ersten Frauen in Preußen.
"Wie Claire war Else für die damalige Zeit ungewöhnlich emanzipiert und selbstbewusst", sagt Germanist Böthig, der das Museum 1993 zunächst als Gedenkstätte gründete und seitdem leitet. So fand sie offenbar auch nichts dabei, mit ihrem Freund für einen Kurzurlaub aufs Land zu fahren – ohne verheiratet zu sein. "So etwas gab es zum Ende des Kaiserreichs nur in Künstlerkreisen."
Auch Claires ungewöhnliche Sprache – die seltsam konstruierte Satzstellung, die verdrehten Endungen, der teils kindliche Tonfall - habe Tucholsky von Else übernommen, ist Böthig überzeugt. "Tucholsky war ja selbst ein großer Sprachspieler, das hat ihm bestimmt gut an Else gefallen."
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