Aktuelle Nachrichten – Menschen & Meinungen
01.01.2012
Foto: Jens Koehler/dapd
Kap Arkona – Dichter Nebel wabert am Silvesterabend zwischen den Leuchttürmen am Kap Arkona. An Rügens Nordspitze, wo für gewöhnlich am letzten Tag des Jahres bis zu 10.000 Besucher mit einem großen Feuerwerk den Jahreswechsel feiern, ist es an diesem Samstag still. Kaum ein Böllerschuss, kein Sektgläserklirren und kein ausgelassenes Lachen hallen durch die regenfeuchte Nacht. Andächtig, respektvoll und wohl auch ein wenig neugierig nähern sich die wenigen Besucher der Absperrung an jenem Steilhang, an dem am Zweiten Weihnachtfeiertag die Kreidemassen ausbrachen und vermutlich die zehnjährige Katharina N. aus Brandenburg am Strand unter sich begruben.
"Wir können nicht so tun, als ob nichts geschehen ist", sagt Putgartens Bürgermeister Ernst Heinemann (Bündnis für Rügen) und blickt über die Kliffkante. "Es ist nicht mehr so, wie es ist noch vor einer Woche war". Irgendwo dort, 38 Meter tiefer, vermuten die Retter die Leiche des Kindes unter meterdickem Geröll. "Weil noch immer Hochwasser herrscht, können wir vorerst auch nicht weitersuchen."
Der Bürgermeister persönlich leitet an diesem Tag die traditionelle Silvester-Sturmwanderung über das 40 Hektar große Denkmalareal. Mehr als 50 Gäste folgen ihm zum alten Schinkel-Leuchtturm und lauschen den alten Anekdoten über Arkonas kautzigen, ersten Leuchtturmwärter Eduard Schilling. Heinemann führt die Menschen durch den ehemaligen Marineführungsbunker, in dem jetzt Ausstellungen gezeigt werden und wo 2012 eine weitere Dokumentation zu Rügens Steilküste hinzu kommen soll. An der früheren Nebelsignalstation, nicht weit vom Katastrophenhang entfernt, hält die Menge inne. "Unsere Gedanken sind heute bei Katharina und ihrer Familie", sagt Pfarrer Christian Ohm. Man spricht das Vaterunser.
In der Dämmerung wird ein Lagerfeuer entzündet. Auf der Aussichtsplattform des Leuchtturms greifen die Wieker Blasmusiker zu ihren Instrumenten. Und am Turmfuß, auf der nassen Wiese, die noch deutliche Spuren von den Rettungsfahrzeugen zeigt, wärmen sich die Menschen am Feuer. Die Nachricht, dass schon wieder ein Stück Steilküste abgestürzt sei, macht die Runde, dieses Mal an den Wissower Klinken, knapp 30 Kilometer östlich. "Nicht schon wieder", ruft ein Feuerwehrmann. "Hoffentlich waren keine Menschen am Strand!"
Gegen Abend entzünden etwa 50 Kirchenbesucher in der kleinen Kapelle des früheren Fischerdorfes Vitt Andachtskerzen. Pfarrer Ohm dankt den vielen Rettern. Auch der Vater des vermissten Kindes, der tags zuvor am Kap war, hat den Teams seine Anerkennung gezollt. Nach dem gemeinsamen Singen gehen die Menschen nach Hause und in ihren Hotels zu den Silvesterpartys. So still habe man hier lange nicht mehr den Jahreswechsel vollzogen, sagt die Betreiberin eines Crepes-Imbisses, während sie nach mageren Umsätzen ihren Laden schließt. "2012 wird´s hoffentlich wieder besser!" Und dann schießen - unter dem Jubel von ein paar Kindern – doch noch ein paar Silvesterkracher in den Himmel am Kap.
(dapd)
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