Aktuelle Nachrichten – Kultur
12.10.2012
Foto: dapd/Alex Domanski
Frankfurt/Main – Er sieht sich als Chronist. "Für mich ist es wichtig zu dokumentieren, was passiert ist, dafür zu sorgen, dass die Ereignisse nicht vergessen werden", sagt der chinesische Autor Liao Yiwu. Der Regierungskritiker, der mehrere Jahre in Haft saß und der 2011 in die Bundesrepublik flüchtete, erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er liebe Berlin - die Stadt, in der er inzwischen lebt - auch weil dort die Erinnerung an die Geschichte wachgehalten werde, betont der 58-Jährige: Überall gebe es Denkmäler, Gedenkplatten oder Stolpersteine.
Am 4. August 1958 in Chengdu in der Provinz Sichuan geboren, wuchs Liao in ärmsten Verhältnissen auf. Die Eltern hatten sich scheiden lassen, nachdem der Vater während der Kulturrevolution als Konterrevolutionär eingestuft und inhaftiert worden war. Nach dem Schulabschluss hielt er sich zunächst mit Tagelöhnerarbeiten und Jobs über Wasser.
Anfang der 1980er Jahre begann Liao, sich mit westlicher Lyrik auseinanderzusetzen. Bald galt er als einer der vielversprechendsten Dichter Chinas, der in großen Zeitschriften veröffentlichte. Die Behörden beobachteten sein Tun misstrauisch, ließen ihn aber in Ruhe - bis 1987, als er wegen seines Einsatzes für mehr Offenheit im Land auf die Schwarze Liste gesetzt wurde.
Die Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 war für ihn eine Zäsur. An den Protesten selbst hatte er nicht teilgenommen, in der Nacht vor dem Massaker aber ein kritisches Gedicht veröffentlicht. 1990 wurde er deshalb festgenommen und zu vierjähriger Haft verurteilt.
Beinahe hätte ihn der Gefängnisaufenthalt zerbrochen. Er wurde gefoltert, versuchte mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Als er 1994 entlassen wurde, hatte er sich seiner Familie entfremdet, frühere Freunde wandten sich von ihm ab. Sehr eindrücklich beschreibt er seinen damaligen Zustand in dem Buch "Kugel und Opium", das gerade in Deutschland erschienen ist und in dem er das Schicksal von Opfern des Tiananmen-Massakers schildert.
Exil in Berlin
Das Schlimmste für ihn sei, dass die Ereignisse von damals in Vergessenheit geraten könnten, sagt Liao. Dies sei für ihn der Grund gewesen, das Buch zu schreiben. Zuvor hatte er bereits seine Erlebnisse im Gefängnis literarisch verarbeitet - "Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen" erschien 2011 in deutscher Übersetzung. Zuvor war "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten" auf den Markt gekommen.
Für dieses Buch führte er Gespräche mit Menschen aus der untersten Schicht der Gesellschaft, die es nach offizieller Lesung gar nicht geben darf. In etwas anderer Form war der Band in China kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 2001 verboten worden. Über einen taiwanesischen Verlag fand das Buch jedoch seinen Weg ins Ausland und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Dem Autor wurde die Ausreise mehrfach verweigert, erst 2011 gelang es ihm, China zu verlassen und nach Berlin ins Exil zu gehen. Er schätze die Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland, sagt Liao; "da kann man viel bewegen". Er habe große Hoffnung in seine Leserschaft, betont er.
Vorerst will Liao in der Bundesrepublik bleiben. In Berlin fühle er sich gut aufgehoben, sagt er. "Deutschland ist meine geistige Heimat." dapd
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