Aktuelle Nachrichten – International
07.07.2012
Tripolis – In Libyen hat unter hohen Sicherheitsvorkehrungen die erste freie Parlamentswahl seit mehr als vier Jahrzehnten begonnen. Die Stimmung könnte nicht unterschiedlicher sein: Während die Abstimmung im Osten von Gewaltakten überschattet wurde, herrschte auf den Straßen der Hauptstadt Tripolis Volksfeststimmung. Knapp 2,9 Millionen Menschen haben sich als Wähler registrieren lassen, um über 200 Sitze im Übergangsparlament zu entscheiden. Um die Sicherheit der Abstimmung zu gewährleisten, war ein hohes Aufgebot von Polizisten und Soldaten im Einsatz.
Nach dem Tod eines Wahlhelfers am Freitag versprach Interims-Ministerpräsident Abdurrahim el Keib, die Regierung werde alles daran setzen, dass die historische Abstimmung friedlich verlaufe. Polizisten und Soldaten bewachten am Samstag die Wahllokale, kontrollierten Wähler und Wahlhelfer.
Mehr als eine Stunde vor Öffnung der Wahllokale bildeten sich in der Hauptstadt Tripolis bereits lange Schlangen. Libyer machten vor dem Urnengang das Siegeszeichen, Autofahrer fuhren hupend die Straßen entlang, andere riefen "Allahu Akbar" ("Gott ist größer"). Einige Wahlberechtigte hatten sich die libysche Flagge um die Schultern gelegt. Süßigkeiten wurden verteilt und Frauen umarmten sich oder stimmten Lieder an, während sie warteten. Einige skandierten, das Blut der Märtyrer sei nicht umsonst vergossen worden, andere hielten Bilder von Angehörigen hoch, die dem Bürgerkrieg im vergangenen Jahr zum Opfer fielen.
"Schau mal die Schlangen an. Alle sind aus freien Stücken hier. Ich wusste, dass der Tag kommen und Gaddafi nicht für ewig hier sein würde", sagte ein 50-jähriger Beamter. Gaddafi habe einen Polizeistaat hinterlassen. "Wir wollen von Null anfangen", erklärte er, während eine Frau beim Verlassen des Wahllokals einen pinkfarbenen Finger zeigte. Mit der farblichen Kennzeichnung eines Fingers sollen Mehrfach-Stimmabgaben verhindert werden.
"Ich habe heute ein merkwürdiges, aber wunderbares Gefühl", sagte ein Zahnarzt. "Endlich sind wir frei nach Jahren der Angst. Wir wussten, der Tag wird kommen, aber wir hatten Angst, es könnte noch lange dauern." Ein 26-jähriger Sanitäter sagte, es werde Geschichte geschrieben. "Wir wurden von einem Mann regiert, der sich selbst als Staat sah."
Ein Wahlbeobachter erklärte, die Beteiligung sei enorm. Alle würden kooperieren. "Sie wollen, dass der Tag ein Erfolg ist, und das wird er", sagte Mohammed Shady.
Im ölreichen Osten, wo es eine starke Autonomiebewegung gibt, überschatteten indes Boykottaufrufe und blutige Zwischenfälle die Wahl. Am Freitag war ein Hubschrauber mit Wahlunterlagen abgeschossen und ein Mitarbeiter der Wahlkommission getötet worden. Der Hubschrauber kam nach Angaben des Übergangsrates unter Beschuss, als er den Flughafen Benina außerhalb der Stadt Bengasi überflog.
Im Osten des Landes herrscht Unmut über das Wahlgesetz, das dem bevölkerungsreicheren Westen mehr Abgeordnete zugesteht. Zuletzt hatten frühere Rebellen auch drei Ölraffinerien abgeschaltet, um den Übergangsrat zu zwingen, die Wahl abzusagen. Am Samstag zündeten Demonstranten in 14 von 19 Wahllokalen in der Stadt Adschdabija einem ehemaligen Rebellenkommandeur zufolge Wahlurnen an.
3.700 Kandidaten, darunter 585 Frauen, bewerben sich um 200 Mandate. Tripolis und der Westen haben 100 Sitze, Bengasi und der Osten 60, der Südwesten 40. (dapd)
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