Aktuelle Nachrichten – China - Politik
06.06.2008
Peking – Ein ungebetener Gast droht der chinesischen Regierung den Spaß an den Olympischen Spielen in zwei Monaten zu verderben: die freie Meinungsäußerung. Eine halbe Million Ausländer werden im August in Peking erwartet. Und die Organisatoren müssen sich darauf einstellen, dass – ungeachtet aller Hilfsangebote und Sympathie nach dem verheerenden Erdbeben im Mai – Kritiker diese einzigartige Bühne nutzen, um beispielsweise für mehr Menschenrechte und gegen die chinesische Herrschaft in Tibet oder religiöse Zwänge in der Volksrepublik zu protestieren.
So müssen die Behörden damit rechnen, dass sich ein „tibetischer Mönch vor einem Hotel in Peking in Brand setzt“, erklärt der China-Experte David Zweig von der Technischen Universität Hongkong. „Sie haben nicht viel Erfahrung damit, mit Protesten von Ausländern auf offener Straße umzugehen.“
Wie groß die Nervosität der Führung ist, zeigt sich darin, dass der Zugang der Medien, vor allem der ausländischen Fernsehteams, zum Platz des Himmlischen Friedens in Peking eingeschränkt wurde. Das geschah aus Sorge vor Demonstrationen, wie Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees hinter vorgehaltener Hand berichten.
Die kommunistische Regierung hat Milliardensummen ausgegeben, um die chinesische Hauptstadt als Schaufenster der kommenden Weltmacht herauszuputzen und sich als guter Gastgeber zu präsentieren. Das Motto „Eine Welt, ein Traum“ unterstreicht das Thema Harmonie. Die Volksrepublik erhofft sich von dem Sportspektakel eine Aufpolierung des Images. „Schaut her, wir sind ein freundlicher Pandabär und kein großer, furchteinflößender Drache“: Diese Botschaft will China bei Olympia in alle Welt verkünden, wie der in Peking ansässige Medienberater David Wolf erklärt.
So versucht die Volksrepublik seit langem, eine „Politisierung“ der Olympischen Spiele zu verhindern – und bezieht dies auch auf die Kritik an der Menschenrechts- und Medienpolitik im eigenen Land. Doch hat die Führung damit im Ausland nicht den gewünschten Erfolg. So gab Hollywood-Regisseur Steven Spielberg aus Protest gegen die chinesische Sudan-Politik seine Beratertätigkeit für die Eröffnungs- und Schlusszeremonie der Spiele auf. Er könne nicht an den Feiern mitarbeiten, weil China nicht genug unternehme, um das Leid in der Krisenprovinz Darfur zu beenden, begründete Spielberg seinen Ausstieg. Menschenrechtsorganisationen gratulierten ihm, für Peking stellte Spielbergs viel beachtete Kritik einen herben Rückschlag dar.
In London hat Prinz Charles angekündigt, er werde nicht nach Peking reisen, um mit seinem Fernbleiben seine Unterstützung für den Dalai Lama zu demonstrieren, das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Der im Exil lebende Friedensnobelpreisträger setzt sich für eine Autonomie des seit 1951 von China besetzten Landes ein. Weltklassesportler tragen sich mit dem Gedanken, Atemmasken zu tragen, um damit ein Zeichen gegen die Luftverschmutzung in der Millionenmetropole zu setzen – auch dies wäre für die chinesische Führung ein Affront.
Sorgfältig beobachtet man in Peking die Diskussionen im Ausland. Und die sind lebhaft. So wurden die Olympischen Komitees in Großbritannien und Belgien scharf von Menschenrechtlern kritisiert, weil sie den Sportlern verbieten wollten, während der Spiele politisch sensible Äußerungen oder Gesten zu machen. Der Britische Olympische Verband lenkte nach der Kritik ein und erklärte, man wolle nur, dass die Athleten die Olympische Charta beachteten, die Demonstrationen und „politische, religiöse oder rassistische Propaganda“ an den Wettkampfstätten verbietet.
Es ist nicht das erst Mal, dass auf die Olympischen Spiele ein politischer Schatten fällt. So führten die USA 1980 einen Boykott gegen die Spiele in Moskau an, um damit gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan zu protestieren. Vier Jahre später kam die Revanche der Ostblockstaaten unter Moskaus Führung bei den Spielen in Los Angeles. In diesem Jahr sorgt die Kombination aus einer autoritären Regierung mit großem Ehrgeiz auf der einen und dem vielstimmigen Chor von Kritikern auf der anderen Seite dafür, dass die Olympischen Spiele politisiert sein werden wie seit Jahrzehnten nicht mehr. (AP)
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