Böhmens bewährte Bäderkultur: Mit allen Wassern gewaschen

Wo andere glauben, gegen oder für alles sei ein entsprechendes Kraut gewachsen, ist man im böhmischen Bäderdreieck bis heute der Meinung, man könne jedem Problem mit dem richtigen Quellwasser zu Leibe rücken. Und davon gibt es in Marienbad, Karlsbad und Franzensbad weiß Gott genug.

Eine Institution, die sich im Strudel der Jahrhunderte und über alle Herrschaftsformen hinweg im Böhmischen Bäderdreieck erhalten hat, ist der Becherova-Kräuterlikör. Von einem englischen Gast erfunden, wurde sein Rezept von der Familie Becher unter strengster Geheimhaltung aufbewahrt. Eine Kostprobe im Karlsbader Becher-Museum wirft die Frage auf, ob es nicht ein Vorläufer dieses erlesenen Tropfens war, der einst Goethe in seinen allerletzten Liebestaumel versetzte.

Torheit des Alters

Schon oft hatte Amors Pfeil ihn während seines gleichermaßen draufgängerischen wie erlebnisreichen Lebens direkt ins Herz getroffen. Nein, ein Freund von Traurigkeit war er sicherlich nie. Merklich abgeklärt glaubt er nun in seinen Siebzigern, sich in entspannter Gelassenheit ruhig zurücklehnen  zu können. Doch weit gefehlt! Denn noch einmal erfasst ihn die Leidenschaft mit einer solchen Wucht, dass er den Widerstand dagegen nicht einmal in Erwägung zieht. So wechselt die zu erwartende Altersweisheit augenblicklich hinüber in eine Phase unerwarteter Alterstorheit.

Diesmal ist es die blutjunge Ulrike von Levetzow, die im zarten Alter von 17 Jahren im böhmischen Marienbad die Gefühlsaufwallung des 72-jährigen entfacht. Ist es das hold ausstrahlende Wesen mitsamt den körperlichen Reizen, die den Kenner amouröser Angelegenheiten in eruptiven Liebeswahn versetzen? Oder ist es vielmehr die Ambrosius-Quelle, jene schon damals legendäre „Quelle der Liebe“, mit deren Hilfe er es vielleicht doch noch einmal wissen will? Aber womöglich kennt Goethe nicht einmal selbst die genauen Ursachen für sein quälendes Liebesweh, als er es leidend und „in Qual verstummend“ in der Marienbader Elegie zu Papier bringt.

Mondäne Prachtbauten

Wo andere glauben, gegen oder für alles sei ein entsprechendes Kraut gewachsen, ist man im böhmischen Bäderdreieck bis heute der Meinung, man könne jedem Problem mit dem richtigen Quellwasser zu Leibe rücken. Und davon gibt es in Marienbad, Karlsbad und Franzensbad weiß Gott genug. Mit jeweils unterschiedlicher mineralischer Zusammensetzung erscheint es als die natürlichste Lösung für (fast) jedes Zipperlein. Warum also sollte man sich diese segensreiche Fülle aus dem Erdinneren entgehen lassen?

Bereits im 19. Jahrhunderts setzte der Ansturm ein. Mit der Folge, dass überall Prachtbauten mondäner Bäderarchitektur wie Pilze aus dem Boden schossen. Dazu lang gezogene Trinkhallen in antiker Tradition, in deren langen Kolonnaden stilvoll ausstaffierte Herrschaften würdevoll entlang wandelten. Jeder von ihnen mit einer gefüllten Schnabeltasse in der Hand, ein kostbares Stück bemalten Porzellans, das der angestrebten Eleganz im Empire-Outfit sicherlich keinen Abbruch tat. Wann allerdings der erste Kurschatten bei diesem feierlichen Zeremoniell seinen Siegeszug antrat und die bestehende Moral leicht trübte, darüber gibt es heute nur noch Mutmaßungen und Gerüchte.

Modernes Ambiente

Über die hierarchische Rangordnung der einzelnen Bäder untereinander lässt sich  je nach persönlichem Geschmack trefflich  streiten. Belegt ist allerdings, dass sich die gekrönten und ungekrönten Häupter Europas zur Kur eher in Marienbad ein Stelldichein gaben. So weiß es Stadtführerin Ilona angesichts der prachtvollen Fassaden. Ihre Namen reichen von Franz Josef, Kaiser von Österreich, über den preußischen Fürst Bismarck bis hin zu König Eduard VII. von Großbritannien, den es allein neunmal in das eigens für ihn konstruierte private Luxusbad zurückzog.

Und leicht lässt er sich in dem modernen Ambiente wiederfinden, der immer noch lebendige Mythos vom alten Marienbad. So wie er sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigt in den ebenso liebevoll wie prachtvoll restaurierten Hotelfassaden, der im gründerzeitlichen Stil  gestalteten Trinkhalle sowie den großzügig gestalteten Parkanlagen. Nicht zuletzt in den prachtvollen Festsälen, die auch heute wieder den feierlichen Rahmen bieten für Feierlichkeiten und Kulturereignisse aller Art.

„Casino Royale“

Auch Karlsbad ist eine kleine Welt für sich. Fast noch mondäner ausgestattet als die Konkurrentin Marienbad, reicht hier die Bädertradition zurück bis ins 14. Jahrhundert. In jene Zeit, als Kaiser Karl IV. die nach ihm benannte Stadt mitsamt ihren Heilquellen zur Chefsache erklärte. In seinem 700. Jubiläumsjahr wäre die schmucke Stadt für ihn wohl kaum wiederzuerkennen. Und sicherlich würde er seinen habsburgischen Nachfolgern großes Lob aussprechen für das über die Jahrhunderte entstandene Gesamtkunstwerk.

Kein Wunder also, dass es den ersten russischen Astronauten Juri Gagarin nach seinem Weltraumausflug hierher zog. Zwar plagten ihn weder Stoffwechselprobleme, Gicht und Diabetes. Aber sicherlich ließ sich für ein Wellness Programm nichts Besseres finden als die warmen Quellen rund um das Ufer der Tepl, die angenehm plätschernd den Ort durchschneidet. Auch Daniel Craig soll sich angetan gezeigt haben, als er hier bei den Dreharbeiten zum „Casino Royale“ die Gelegenheit beim Schopf packte. Immer wieder fanden sogar ausgefallene Hotels Eingang in die Drehbücher. So das legendäre Hotel Pupp, das bereits bei mehreren Filmen eine würdige Kulisse abgab.

Stilistische Einheitlichkeit

Bleibt noch das letzte und vielleicht erlesenste der drei Bäder, das Franzensbad. Das kleinste zwar, aber in seiner architektonischen Geschlossenheit wohl das schönste. Einst gegründet von Kaiser Franz, hat sich sein weißgelbes Erscheinungsbild bis heute erhalten und strahlt wegen seiner stilistischen Einheitlichkeit eine unglaubliche Eleganz aus.

Kein Wunder, dass sich einst auch Goethe von dieser bemerkenswerten Kulisse angezogen fühlte und hier – so ist zu hoffen – seine innere Ruhe wiederfand. Und dabei all die Wunden heilte, die unerfüllte erotische Träume  seiner Seele geschlagen hatten. Kann seither vor Risiken und Nebenwirkungen des böhmischen Heilwassers nicht nachdrücklich genug gewarnt werden?

Kohlendioxyd-Behandlung

Kein Besucher, der sich bisher der bewährten Heilwasser-Therapie verschrieb, konnte ahnen, dass es dabei nicht bleiben sollte. Denn unlängst entdeckte man eine Gasquelle, deren heilende Wirkung man sich ebenfalls zunutze macht. Einmal mit einem Kohlendioxyd- Becken, in dem das schwere Gas für längere Zeit mit dem Körper in Berührung kommt, oder aber mit dem Einspritzen in die betroffenen Gelenke. Als Erfinder dieser neuen Methode gilt Dr. Pavel Knara, der nicht ohne Stolz auf die bisherigen Heilerfolge verweist. Von einem Liebestaumel wie einst bei Goethe wurde dabei allerdings noch nichts bekannt.

Weitere Informationen: www.czechtourism.com