Städtereisen - Kulturreisen - Kurztripps – Linz - Europas Kulturhauptstadt 2009 – Bernd Kregel / Gastautor
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Kulturelle Vielfalt Linz - Europas Kulturhauptstadt 2009

Bernd Kregel / Gastautor

25.09.2008

Renovierte Hausfassaden am Hauptplatz zur Marktzeit. (Bernd Kregel)
Renovierte Hausfassaden am Hauptplatz zur Marktzeit. (Bernd Kregel)
Brunnen auf der Landstraße. (Bernd Kregel)
Brunnen auf der Landstraße. (Bernd Kregel)
Adlerhof des Stifts St. Florian. (Bernd Kregel)
Adlerhof des Stifts St. Florian. (Bernd Kregel)

„Null Uhr Null“. Seit Monaten fiebern die Linzer dem Stundenschlag der Kirchturmuhren entgegen, der am ersten Januar Zweitausendundneun endlich das Kulturhauptstadtjahr eröffnen soll. Gemeinsam mit der litauischen Hauptstadt Vilnius wird die Landeshauptstadt von Oberösterreich ein Jahr lang zur kulturellen Gastgeberin Europas.

Schon einmal stand Linz im Brennpunkt europäischer Kulturpolitik. Damals, als die Hauptstadt des „Gaus Oberdonau“, in der Hitler als Kind die Schule besucht hatte, von ihm zur „Kulturhauptstadt des Führers“ auserwählt wurde. Eine der größten Gemäldesammlungen der Welt sollte dem geplanten Alterssitz Hitlers den angemessenen Rahmen verleihen. Doch zum Glück kam es anders.

Soll nun der Rang einer Europäischen Kulturhauptstadt dazu dienen, den aus dieser Zeit herrührenden Imageschaden unauffällig zu überdecken? Wohl kaum. Denn schon früh hat sich die Stadt dieser unrühmlichen Vergangenheit gestellt und sie auf  unterschiedlichen Ebenen kritisch durchleuchtet. Zu verheimlichen gibt es also nichts. Vielmehr gibt es etwas vorzuweisen, denn längst hat die Stadt an der Donau mit kultureller Vielfalt und beschwingtem Lebensgefühl ihren einstigen Ruf als  Industriestandort erfolgreich überwunden.

Ein Gang durch die quirlige „Landstraße“ mit ihren geschmackvollen Läden, stilvollen Gasthäusern und schmucken Kirchen reicht aus, um die heute in Linz vorherrschende Lebensqualität zu erkennen. Von der barocken Dreifaltigkeitssäule inmitten des „Hauptplatzes“ fällt der Rundblick auf renovierte Häuserfassaden, in deren Schatten es sich bei einem kühlen Getränk oder mit einem italienischen Eis angenehm verweilen lässt.

Hinzu kommen nur wenige Schritte entfernt schattige Biergärten und exquisite Cafés, in denen die  Linzer Torte nach einem mehr als dreihundert Jahre alten Rezept serviert wird. „Und wie gefällt ihnen unsere Stadt?“  lautet die mit stolzem Unterton vorgetragene Frage, deren rhetorischer Charakter jedoch offensichtlich ist.

Denn immerhin haben die zu Ende gehenden Renovierungsarbeiten die gesamte Altstadt in ein wahres Schmuckkästlein verwandelt: Mariendom und Mozarthaus,  Schloss und Jesuitenkirche – sie alle sind auf den zu erwartenden Besucheransturm vorbereitet.

Bei der in Architektur und Lebensstil zu beobachtenden katholischen Grundausrichtung der Stadt ist es heute kaum noch nachvollziehbar, dass Linz zur Reformationszeit einmal durchwegs protestantisch war. Die Schrifttafeln an der Martin-Luther-Kirche in unmittelbarer Nähe der Landstraße erinnern an jene Epoche. Doch dann ergriff die Gegenreformation von der Donaustadt Besitz und zeigte mit ihrer forcierten barocken Prachtentfaltung, welche der Konfession fortan für das Glaubensleben der Bürger zuständig sein sollte.

Die Spurensuche in den architektonischen Hinterlassenschaften jener Zeit begeistert – und ermüdet. Ein Gegengewicht zu der verwinkelten Enge der Altstadt präsentiert sich unweit des Hauptplatzes in der Nähe der Nibelungenbrücke. Hier, zwischen dem Lentos-Kunstmuseum und dem Konzertsaal des Bruckner-Hauses leuchtet den strapazierten Augen ein strahlendes Grün entgegen. Verziert mit modernen Kunstwerken geben die Rasenflächen den Blick frei über die Donau hinweg hinauf zum Pöstlingberg mit seiner stolzen Wallfahrtsbasilika. Nicht zuletzt wegen des unvergleichlichen Ausblicks über ganz Linz wurde ihm der Titel des Hausberges der Stadt zuerkannt.

Und die will in der Tat gesehen werden: „Ein Schaufenster für die Vielfalt Europas“ wünscht sie sich im Jahr 2009 zu sein. Doch wie soll das gehen? Das Veranstaltungsprogramm hält die Antwort bereit: Unter dem Titel „Ein Dutzend Europa“ werden die zwölf neuen EU-Mitgliedsländer von Bulgarien bis Zypern in Linz erwartet, die hier abwechselnd das ganze Jahr über ihre musikalische Visitenkarten abgeben.

Auch in den Kirchen der Stadt werden musikalisch alle Register gezogen. Nationale und internationale Orgelkünstler wollen zwischen Ostern und Herbst regelmäßig die Königin der Instrumente zum Klingen bringen und dabei, so ihre Intention, „das Kircheninnere als akustischen Raum erfahrbar machen“. Zusätzlich soll vom Turm der Stadtpfarrkirche die vergessene Tradition der Turmmusik durch tägliche Trompetensignale wieder belebt werden.

Doch was wäre das Linzer Kulturprogramm ohne die seit Jahren gewachsenen musikalischen Veranstaltungen der „Klangwolke“, die jeweils im Rahmen des Brucknerfestes zelebriert werden. Und ohne das Kunstfestival „Ars Electronica“, das ebenso wie das aufwändig gestaltete „Linzfest“ der Stadt schon seit Jahren als kulturelles Aushängeschild dient.

Doch auch der Blick über die Stadtgrenzen hinaus lohnt sich. Nur wenige Kilometer Entfernung sind es bis zum Stift St. Florian, das in barocker Eleganz auf einem Hügel oberhalb der gleichnamigen Ortschaft thront. Es beherbergt vierzig Augustiner-Chorherren, die in ihrer Mehrzahl die Menschen in den umliegenden Gemeinden als Seelsorger betreuen.

Der überaus kunstvoll ausgestaltete Kaisersaal des Stifts erinnert daran, dass damals selbst dem Herrscher aus dem fernen Wien der Weg nach St. Florian nicht zu weit war, um dem Namenspatron aufrichtig zu danken. Vor allem für die erfolgreiche Abwehr des Türkenheeres im Jahr 1683, als die islamischen Truppen um Haaresbreite davor standen, erst die Stadt Wien und dann das gesamte christliche Abendland zu überrennen.

Um den höchsten kaiserlichen Ansprüchen zu genügen, errichtete man auch das Gotteshaus in neuem barocken Glanz und versah es mit einer Orgel, die in der Folgezeit nicht nur wegen ihres strahlenden Klanges Berühmtheit erlangte. Denn  kein Geringerer als Anton Bruckner war es, der von dieser Stelle aus mit seiner Musik „dem lieben Gott“ diente.

Ihm wurde nach seinem Tod wunschgemäß das Privileg zuteil, unter „seinem“ Instrument begraben zu werden. Ein weihevoller Moment für alle, die nach dem Abstieg in die Gruft vor dem schlichten Metallsarg mit dem berühmten Namen für einige Augenblicke in Ruhe verweilen. Ein geeigneter Ort, um sich der hier in St. Florian vorherrschenden Harmonie von Musik und Architektur noch einmal bewusst zu werden.

Auch in „Linz 2009“ scheint alles harmonisch zusammen zu passen, was die Organisatoren aus der Fülle der Anregungen zusammengestellt haben: Bewährtes und Neues, Traditionelles und Modernes. Unterstützt von österreichischem Charme und umrahmt von einer romantischen Umgebung ist das Kulturhauptstadtjahr 2009 geradezu aufs Gelingen programmiert.

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