Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
20.09.2012
Foto: Bernd Kregel
Längst ist Lissabon - die Schöne vom Tejo - mit ihren Reizen auf dem Weg von einer europäischen Kurltur-Hauptstadt zur Kult-Hauptstadt.
Gefühlsaufwallung in Moll
Stimmgewaltig schüttet die attraktive „Fadista“ Cristiana Perestra im Halbdunkel des renommierten „Clube de Fado“ ihr Herz vor ihren Zuhörern aus. Eine ausdrucksstarke Mimik und beschwörende Gesten verleihen ihrem Anliegen die nötige Überzeugungskraft. So liest ihr das Publikum wie gebannt diese Gefühlswallung von den Lippen ab.
Wie konnte der Mistkerl sie nur wegen einer Anderen verlassen? Dafür möchte sie ihm die Augen auskratzen und ihn in die tiefste Hölle wünschen. Dennoch liebt sie ihn noch immer. Und niemals würde sie einen anderen auch nur aus der Ferne anschauen. So ist die verzehrende Sehnsucht nach dem Unerfüllbaren ihr ständiger Wegbegleiter, der ihr das Herz zerreißt und ihre Schwermut unerträglich macht.
Gehört nicht die Schwermut zum festen Bestandteil der portugiesischen Volksseele? Ein Weltschmerz, der sich sogar zum lustvollen Leiden und zur genießerischen Klage steigern kann, wie Joao da Praca, der Besitzer des „Clube de Fado“, aus langer Erfahrung weiß. Eine widersprüchliche Gefühlslage, die sich über die Jahrhunderte in den Höhen und Tiefen des Seelenlebens gleichermaßen eingerichtet hat. Die anhaltende Bedeutung dieser ans Mark gehenden Kunstform beweisen die zahlreichen Lokale auf dem Alfama-Hügel, in denen der Fado-Kult allabendlich zelebriert wird.
Auf harten Holzbänken ins Amüsierviertel
Die Fado-Clubs gibt es auch auf der anderen Seite des Tales im Bairro Alto, dem eigentlichen Amüsierviertel von Lissabon. Allein die Straßenbahnfahrt dorthin mit der legendären Linie 28 wird zum Abenteuer. Früher eine technische Neuheit, versehen die kleinen gelben Waggons ihren Dienst heute nur noch mit Mühe. Ihr Aussehen und ihre harten Holzbänke erinnern sogar an die Cable Cars in San Francisco. Wie jene bereiten sie ihren Fahrgästen an den Berghängen der Stadt mit schaukelnder Fahrt dennoch ein genussvolles Erlebnis.
Der rollende Standortwechsel endet an der „Praca L. de Camoes“, dem Platz, der mit einem beeindruckenden Denkmal seinen großen portugiesischen Nationaldichter ehrt. In den umliegenden Straßen und Gässchen mit ihren Restaurants, Kneipen und Fado-Lokalen wird inzwischen die Nacht zum Tage gemacht. Denn hier geben sich die Nachtschwärmer der Stadt bei ihrem Stelldichein die Klinke in die Hand. Und wenn die Räumlichkeiten nicht ausreichen, wird der Aktionsradius einfach nach außen verlagert, wo die in Moll gestimmten Fado-Töne schon bald einer fröhlicheren Stimmung weichen.
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