Frankfurt/Main - Der Begriff «Staatsbürger in Uniform» wurde beim Aufbau der Bundeswehr als Leitbild für die Soldaten geprägt. Diese sollen wie jeder Bürger eigenverantwortlich und aus Überzeugung handeln, statt sich blind Befehlen zu unterwerfen. Fotos von jungen Bundeswehrangehörigen in Afghanistan, die in teils obszöner Weise mit Totenschädeln posieren, passen ebenso wenig in das Bild des aufgeklärten Soldaten wie der Satz eines Beteiligten. «Wenn man das nicht mitmacht, heißt es: Du Weichei, was stellst du dich so an», sagte er der «Bild»-Zeitung. Psychologen erklären die Ausfälle als Folgen der besonderen situativen Psychodynamik in der Einheit vor Ort.
Generell bekomme die Bundeswehr, die im internationalen Vergleich relativ liberal und offen organisiert sei, das Spannungsverhältnis zwischen Staatsbürger einerseits und Uniform andererseits recht gut hin, erklärt der Hamburger Psychologe Thomas Kliche. Dennoch bleibe eine Spannung, die ihre Ursache schon allein in der Organisationskultur von Streitkräften habe: «Kaum ein gesellschaftlicher Bereich hat eine so große Disziplinierungskraft wie die Armee und greift so umfassend auf das Leben der Organisationsmitglieder zu», sagt Kliche.
Als totale Institution regele die Bundeswehr das gesamte Dasein der Soldaten: Von der Kleiderordnung über die Frage, wer wen wie und wann zu grüßen habe bis hin zur Freizeitgestaltung. Bei den Soldaten im Auslandseinsatz komme hinzu, dass sie nur sehr wenig Kontakt mit ihren Familien haben könnten, erklärt Kliche: «Die Gruppe ist somit ihre soziale Welt.» Den Soldaten bleibe ein unterfordertes Gefühlsleben und eine «absolut tödliche Routine bei sprunghaften Stressspitzen durch Lebensgefahr in den Einsatzfeldern».
Situationen wie die, in denen die Fotos entstanden, kämen häufig so zu Stande, dass in einer rivalisierenden Männergruppe einer der Soldaten etwas getan habe, und dann die anderen mitgemacht und sich gegenseitig zu übertrumpfen versucht hätten, erklärt Kliche. Dazu komme, dass Streitkräfte eine Sondermoral durchzusetzen hätten: Professionell geforderte Handlungen seien Drohen, Verletzen oder Töten, die normalerweise verpönt seien: «Soldaten werden ausgebildet für Dinge, die man sonst nicht tun darf.»
Das sei sehr belastend für die Soldaten, so dass das Militär sie mit einem ganzen psychosozialen Instrumentarium ausrüste, um die Situation besser verkraften zu können, erklärt der Vorsitzende der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. So könne mit der Befolgung von Befehlen und dem Hinweis «die anderen machen es auch» Verantwortung abgegeben werden. Dies könne so weit gehen, dass der Soldat sein Gewissen einfach ausschalten könne, wenn es die Situation erfordere. «Mit dieser Dynamik lassen sich beispielsweise Massaker erklären», sagt der Psychologe - aber auch Bilder wie die der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Allerdings gebe es solche Mechanismen auch in manchen anderen Organisationen.
Alle diese Verhaltensweisen hätten sehr viel mit dem Entwurf von «Männlichkeit» in unserer Gesellschaft zu tun, erklärt Kliche. Konstituierend für eine herkömmliche männliche Identität seien Merkmale wie Dominanz, das Herstellen von Überlegenheit, das Einsetzen von Machtmitteln, Instrumentalisierung anderer Menschen und die Kontrolle über den sozialen Nahraum. «Echte Männer» sprechen auch nicht über die Dinge, die sie beschäftigen und mit denen sie zurechtkommen müssen, wie Kliche erklärt. «Das alles hat auch zu tun mit der Verachtung von Einfühlung und von Grenzen, von Würde und Pietät» - wie beim Posieren mit Totenschädeln.
Diese Dynamik lässt sich laut Kliche aufbrechen, wenn mehr Frauen in der Armee sind. Frauen seien nicht prinzipiell die besseren Menschen, wie die Folterfotos aus Abu Ghraib gezeigt hätten, an denen auch Frauen beteiligt waren. «Aber ich denke, dass der Einsatz von Frauen die Organisationskultur verdienstvoll in Bewegung setzt.» Frauen sprächen mehr über das Geschehen, Regeln müssten besser ausgehandelt werden. Und wenn Frauen in Afghanistan dabei gewesen wären, wären nach Meinung des Psychologen die sexuellen Anspielungen auf den Fotos unterblieben - schon allein aus Scham.
Da die Bundeswehr relativ liberal organisiert sei, glaube er - ohne die Ereignisse als Einzelfälle verharmlosen zu wollen -, dass nicht mehr so viel an derartigen Skandalen nachkommen werde, sagt Kliche. Natürlich lasse sich die psychologische Vorbereitung, das interkulturelle Training und die politische Bildung verbessern. Allerdings hätten solche Vorfälle auch viel mit Desorientierung zu tun. In diesem Zusammenhang müsse man kritisch anmerken, dass die deutsche Gesellschaft ihre Verantwortung für den Einsatz in Afghanistan nicht annehme und die Soldaten im Stich lasse.
«Keiner will die Verantwortung für die absehbaren Misserfolge einer rein militärischen Lösung, dabei wäre dringend ein integrales Konzept für den zivilen Aufbau nötig», kritisiert Kliche. Wenn dieser Aufbau gelinge, nehme auch der Druck auf die Soldaten ab. Die Abgeschlossenheit der militärischen Welt werde durch mehr Kontakte mit Hilfsorganisationen und mit der afghanischen Bevölkerung geöffnet.
(AP)
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