Aktuelle Nachrichten – Kultur
16.01.2012
Foto: Hermann und Clärchen Baus
Im Jahr 1707 war Händel gerade 22 Jahre alt, als er ein Stück komponierte, das laut und schnell beginnt und zum Ende immer stiller wird. „Il Tronfo del Tempo e del disinganno“ bürstet die Erwartungen moderner Wahrnehmung nur so gegen den Strich. Umso bemerkenswerter, dass dieses opernhafte Oratorium nun an der Berliner Staatsoper im Schillertheater zu erleben ist. Jürgen Flimm und sein Team zeigen ihre Händel-Produktion, die am Opernhaus Zürich entstanden ist.
„Il Tronfo del Tempo e del Disinganno“
„Il Tronfo del Tempo e del Disinganno“ wurde zu einer Zeit komponiert, als Opern in Rom vom Papst verboten worden waren, man sah in ihnen eine Gefährdung der Moral. Das Oratorium blühte daraufhin als Ersatz, denn es war zumindest Oper für die Ohren. Das Libretto und der Kompositionsauftrag zu dem Jugendwerk von Händel stammten von Kardinal Benedetto Pamphilj, der ein großer Kunstförderer und -kenner war. Interessanterweise spricht das Textbuch von einer Hinwendung zur Wahrheit und Tugendhaftigkeit, vermeidet jedoch namentliche Bezüge zum Christentum.
Händel komponierte 31 Nummern, die Rezitative nicht mitgezählt. In Arien, Duetten, Quartetten und Instrumentalstücken zeigte er sein ganzes Können. Die vier Charaktere sind Allegorien: Belezza (die Schönheit), Piacere (das Vergnügen), Tempo (die Zeit), Disinganno (die Erkenntnis).
Belezza gibt sich zunächst dem Vergnügen hin, aber die Zeit und die Erkenntnis prophezeihen ihr, dass ihr Leben nicht für immer sorglos sein wird und auch sie der Vergänglichkeit anheimfallen muss. Es entbrennt ein Streit zwischen zwei konträren Lebensentwürfen und ihren Personifikationen, den Händel mit musikalischer Genialität sehr emotional ausmalte. Belezza ist hin und her gerissen. Am Ende lässt sie sich von Tempo und Disinganno überzeugen und beschließt, sich vom irdischen Leben abzuwenden und Nonne zu werden.
Perücken, Puppen, Sand und Symbolik
In der Inszenierung der Staatoper im Schillertheater spielt alles in einer luxuriösen Bar (Bühnenbild von Erich Wonder, Kostüme von Florence von Gerkahn). Auf der einen Seite Tische, auf der anderen Seite ein langer Tresen. Ein Ort, an dem man vorübergehend Gast ist und an dem niemand lange bleibt. Trotzdem scheint es zu Anfang so, als ob diese Party nie ein Ende nimmt. Statisten kommen und gehen, spielen Alte und Junge, Blinde, Kinder, Musiker und Models. Das alles ist perfekt choreografiert und lebhaft anzuschauen, manchmal etwas zu viel optische Ablenkung. Denn die Musik ist sehr zart, enorm differenziert und eigentlich noch sprechender als der obligatorische Sand, den „Tempo“ neben vielen anderen symbolischen Spielereien, durch seine Finger rinnen lässt.
Im zweiten Teil sehen wir wieder die gleichen Personen und Statisten, doch wird, wie die Musik, auch die Szene immer weiter entschleunigt: Belezza vollzieht eine Verwandlung vom Marilyn-Glamour zur Nonne, während die Kellner die Stühle hochstellen und Leere einkehrt.
Harmonie und Gegensätzlichkeit bei den Solisten
Charles Workman gab als einzige Männerstimme den Tempo mit baritonal gefärbtem Tenor – kraftvoll, beweglich in den Koloraturen, unerschütterlich im Ausdruck. Delphine Galou als Disinganno ist eine irritierend androgyne Erscheinung, auch ähnelt ihre Stimme zum Verwechseln einem männlichen Alt. Schnörkellos, beinah spröde und auf natürliche Art einfühlsam kontrastiert sie wunderbar mit dem sinnlich überschäumenden und warmen Sopran von Inga Kalna als Piacere. Charaktervoller hätten diese beiden Gegenspielerinnen kaum besetzt werden können. Die Heldin Belezza sang Sylvia Schwartz mit mädchenhafter Zerbrechlichkeit und Süße, mit leichten und glitzernden Koloraturen. Ihr Sprung von der Oberflächlichkeit in den Ernst des Lebens geriet intensiv und emotional packend.
Marc Minkowski und die Musicien du Louvre Grenoble spielten auf Originalinstrumenten
faszinierend farbenreich, hochvirtuos und ließen doch die Musik in jedem Augenblick neu entstehen. Dies führte vor allem im zweiten, weltentrückten Teil des Stückes zu magischen Momenten, in denen die Zeit stehen zu bleiben schien. Das tausendmal gehörte „Lascia chio pianga“, das eigentlich „Lascia la spina“ heißt, wurde ein solcher Moment, der das Publikum einfach nur fesselte. Es war, als hörte man das Stück zum ersten Mal.
Am Ende wurden neben den Solisten der Dirigent Dirigent Marc Minkowski und das Orchester der Berliner Staatsoper besonders gefeiert, denn ihr feingewebter Klangteppich von Händel war die entscheidende Zutat zu dieser faszinierenden Seelenreise in der sehenswert fantasievollen Szenerie von Jürgen Flimm.
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