Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft
18.10.2011
Foto: Maja Hitij/dapd
Berlin – Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse zu sexuellem Missbrauch von Kindern waren in Deutschland bislang Mangelware. Aktuelle Zahlen gab es nicht, lediglich eine einzige Repräsentativbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen aus dem Jahr 1992. Angesichts der Flut an Missbrauchsfällen, die seit Anfang 2010 bundesweit ans Licht kam, gab das Bundesforschungsministerium bei dem Institut eine Nachfolgestudie in Auftrag – größer und mit einem breiteren Spektrum als 1992.
Damals hatten rund 3.300 Menschen Auskunft über ihre Missbrauchserfahrungen gegeben. Für die neue Untersuchung wurden in den ersten fünf Monaten des Jahres mehr als 11.000 Bürger im Alter von 16 und 40 Jahren befragt – 20 Prozent davon Menschen aus Zuwandererfamilien.
Bis alle Daten des Mammut-Projekts ausgewertet sind, werden noch Monate vergehen. Ende 2013 soll die Arbeit vollständig abgeschlossen sein. Das niedersächsische Forschungsinstitut legte am Dienstag aber bereits einen ersten Zwischenbericht vor, der sich auf jene Fälle konzentriert, bei denen Befragte vor ihrem 16. Lebensjahr mindest einmal Opfer von sexuellen Übergriffen wurden.
Nachfolgend eine Übersicht über die wichtigsten Ergebnisse:
HÄUFIGKEIT:
6,4 Prozent der weiblichen Befragten gaben an, dass sie in ihrer Kindheit oder Jugend mindestens einmal sexuellen Missbrauch "mit Körperkontakt" erlitten haben. Bei den männlichen Befragten waren es 1,3 Prozent. In der Vorgängerstudie von 1992 hatten 8,6 Prozent der Frauen von solchen Übergriffen in ihrer Kindheit und Jugend berichtet und 2,8 Prozent der Männer. Die Zahl der Missbrauchsfälle ist damit zurückgegangen.
Als mögliche Gründe sehen die Forscher unter anderem eine gestiegene Bereitschaft von Missbrauchsopfern, die Täter anzuzeigen. Während in den 80er Jahren im Durchschnitt nur etwa jeder zwölfte Täter mit einem Strafverfahren habe rechnen müssen, gelte das heute für etwa jeden dritten. Die Öffentlichkeit sei sensibler für das Thema geworden, und die Prävention sei besser.
Der Rückgang der Fälle betrifft aber vor allem Übergriffe innerhalb der Familie. Das Risiko, von unbekannten Tätern missbraucht zu werden, ist laut Studie über die vergangenen drei Jahrzehnte weitgehend konstant geblieben.
TÄTER:
Die Täter sind laut Studie meist Männer aus der eigenen Familie (insbesondere Onkel, Stiefväter und Väter) oder dem Bekanntenkreis der Kinder und Jugendlichen (vor allem Erwachsene aus dem Umfeld der Eltern, Nachbarn, Freunde). Nur in knapp jedem vierten Fall handelt es sich um einen Unbekannten. Weibliche Täter gibt es nur wenige. Nur in den seltensten Fällen vergreifen sich Frauen an Kindern und Jugendlichen.
Bei 8,6 Prozent der Frauen, die als Mädchen missbraucht wurden, war einer ihrer Lehrer der Täter. Ein Übergriff durch einen katholischen Priester wurde dagegen nur in einem einzigen Fall genannt.
Dieser Befund steht den Studienautoren zufolge nicht im Widerspruch zu den zuletzt massenhaft bekannt gewordenen Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen. Die Übergriffe lägen in diesen Fällen oft 35 Jahre zurück. In der jüngeren Vergangenheit seien Priester als Missbrauchstäter seltener in Erscheinung getreten.
Die Studienautoren verweisen in diesem Zusammenhang auf wissenschaftliche Erkenntnisse aus den USA. Der Zahl der Übergriffe von katholischen Priestern habe dort seit den 80er Jahren drastisch abgenommen. Der Grund: Die große Zahl der Täter sei nicht pädophil, sondern habe sich in der Vergangenheit nur "ersatzweise" an Kindern vergriffen, weil erwachsene Sexualpartner im prüden Amerika damals "nicht zu erreichen" gewesen seien. Mit der sexuellen Liberalisierung sei es für Priester, die sich nicht an den Zölibat halten wollten, zunehmend leichter geworden, Erwachsene als Sexualpartner zu gewinnen. Ob dieser Befund auch für Deutschland gilt, wollen die Forscher gesondert untersuchen.
TATORTE:
Der Missbrauch geschieht oft im eigenen Zuhause der Kinder und Jugendlichen oder aber in der Wohnung des Täters. Der Hintergrund: Bei Übergriffen mit Körperkontakt gibt es in der Regel eine Vorbeziehung zwischen dem Opfer und seinem Täter. Erwachsene, die vor Kindern oder Jugendlichen ihre Geschlechtsteile entblößen, sind dagegen meist Unbekannte. Solche exhibitionistische Taten passieren meist draußen im Freien.
MIGRANTEN:
Es gibt Unterschiede zwischen den Missbrauchserfahrungen der deutschen Befragten und jenen aus Zuwandererfamilien. Frauen mit türkischen Wurzeln etwa berichten laut Umfrage erheblich seltener von sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit und Jugend: Einen Missbrauch "mit Körperkontakt" bis zum 16. Lebensjahr haben nur 1,7 Prozent von ihnen erlebt, bei den deutschen Frauen sind es 7,3 Prozent. Die Zahl der Übergriffe innerhalb der Familie unterscheidet zwischen beiden Gruppen kaum, Übergriffe außerhalb der Familie gebe es bei türkischstämmigen Befragten aber kaum. Dies könnte damit zusammenhängen, dass türkische Mädchen "vergleichsweise stärker behütet aufwachsen", vermuten die Studienautoren. (dapd)
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