Rom – Mit Lastwagen, Hubschraubern, Elefanten oder auf dem Rücken von Yaks hat die Weltgemeinschaft in den zurückliegenden Jahren Lebensmittelhilfe in Katastrophengebiete gebracht. Doch die Förderung einer sich selbst tragenden Landwirtschaft in Entwicklungsländern wurde vernachlässigt. Der drastische Anstieg der Lebensmittelpreise hat nun in vielen Ländern gravierende Folgen. Die Vereinten Nationen haben ein Notprogramm vorgestellt, doch Millionen Menschen drohen, in Armut und Hunger abzurutschen.
„Was wir gesehen haben, ist, dass wir im Umgang mit Notfallhilfe besser sind als in der Bekämpfung chronischen Hungers“, sagt der wissenschaftliche Direktor der britischen Hilfsorganisation Oxfam, Duncan Green. Die Entwicklung der Landwirtschaft sei „schrecklich vernachlässigt“ worden. Auch der stellvertretende Generaldirektor der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Jim Butler, stimmt zu: „Ich würde sagen, es waren drei Jahrzehnte der Vernachlässigung“.
Ab Dienstag kommen in Rom Gesandte, Experten sowie Staats- und Regierungschefs aus den 191 FAO-Mitgliedsländern zusammen, um sich mit den weltweit steigenden Lebensmittelpreisen zu befassen. Die nachhaltige Förderung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern soll dabei eines der Hauptthemen sein. Die FAO fordert gezielte finanzielle und technische Hilfen, um die Produktion der Kleinbauern zu stärken.
Die Hilfsmittel für die Landwirtschaft sind der Organisation Oxfam zufolge zwischen 1980 und 2005 um die Hälfte zurückgegangen. Andere Organisationen sprechen von einem noch drastischeren Rückgang. Derzeit werden nur vier Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Euro) dafür ausgegeben – im Vergleich zu mindestens 25 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro), die im Westen als Subvention der eigenen Landwirtschaft gezahlt werden. Zudem werden bei drohenden Hungersnöten zumeist Agrarprodukte aus dem Westen geliefert, womit lokale Erzeugnisse keine Chance mehr haben.
Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen drei Jahren laut Weltbank um 83 Prozent gestiegen. Davon sind die ärmsten Bevölkerungsschichten am schlimmsten betroffen, denn sie geben bis zu 60 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus. In mehreren Ländern ist es wegen der explodierenden Preise für Reis, Mais und andere Grundnahrungsmittel schon zu Unruhen gekommen. Mexiko hat deswegen begonnen, Subventionen für die arme Bevölkerung zu zahlen, um den Preisanstieg zumindest abzufedern.
Die Preisexplosion hat viele Gründe. Einer ist die zunehmende Verwendung landwirtschaftlicher Rohstoffe zur Produktion von Biosprit, was in Rom vermutlich kontrovers diskutiert werden wird. Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva wird die für sein Land rentable Biodiesel-Produktion auf der Konferenz sicherlich vehement verteidigen. Experten machen außerdem eine Reihe weiterer Faktoren für den Anstieg verantwortlich: wachsende Nachfrage, gestiegene Ölpreise, geringere Investitionen in die Landwirtschaft, Subventionen und Handelshemmnisse sowie Spekulanten und schlechtes Wetter.
Im Kampf gegen den Hunger hat die Weltbank den betroffenen Staaten zuletzt ein zusätzliches Kreditvolumen in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar (770 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt. Weltbank-Präsident Robert Zoellick sagte, man brauche einen klaren Aktionsplan, weil steigende Lebensmittelpreise „Menschen und Staaten in Gefahr bringen“. Investitionen in die Landwirtschaft sollen gefördert werden. Auch die UN haben zusätzlich eine Milliarde Dollar (620 Millionen Euro) Nothilfe bereitgestellt, um der Hungerkrise zu begegnen.
„Wir kümmern uns nur um das, was heute, morgen, oder nächste Woche ansteht“, sagt Timothy Dyson, Experte für Landwirtschaft und Hungersnöte an der London School of Economics (LSE). Er fordert höhere Investitionen für die Entwicklung einer produktiven Landwirtschaft unter den schwierigen klimatischen Bedingungen der Entwicklungsländer. Dort versagt der Markt, wie auch Oxfam betont. „Die Privatwirtschaft geht nur dorthin, wo ordentliche Gewinne gemacht werden können“, sagt Green. Bauern mitten im Nirgendwo gingen dabei leer aus. (AP)