Foto: NABU/Ludwickowski/dapd
Erfurt – Mit seiner schwarzen Maske, dem wuscheligen Fell und Knopfaugen hat der Marderhund eigentlich alles, was bei Erwachsenen das Kindchenschema weckt und Kinder in Verzückung versetzt. Dennoch stößt der Neuankömmling, dessen Vorkommen in Thüringen stetig steigt, vor allem bei Jägern und Naturschützern auf sehr wenig Gegenliebe. Der Enok, wie das Tier auch bezeichnet wird, könnte in Zukunft im Freistaat für einige Probleme sorgen.
"Momentan ist der Marderhund noch kein aktuelles Thema", sagt Zoologe und Experte des Naturschutzbunds NABU, Dietrich von Knorre. "Wir sehen die Einwanderung dennoch mit großer Sorge." Seit einigen Jahren steigen die durchschnittlichen Abschusszahlen ständig an. Im vergangenen Jahr haben Thüringer Jäger insgesamt 68 der Tiere erlegt, wie aus Zahlen des Landesjagdverbands Thüringen (LJV) hervorgeht. Vor zehn Jahren lag die Strecke bei unter zehn Exemplaren. Die ersten Abschüsse wurden dem NABU zufolge Anfang der 1970er Jahren registriert.
"In den nächsten ein bis drei Jahren wird das Tier weder aus ökologischer noch aus ökonomischer Sicht zu einem großen Problem werden", schätzt der LJV-Geschäftsführer, Frank Herrmann. Doch auch beim Waschbären habe die Population zunächst klein angefangen, um sich dann innerhalb kürzester Zeit explosionsartig auszubreiten. "Der Marderhund braucht lange, um Fuß zu fassen. Wenn er aber einmal ein Gebiet erkundet hat, kann es ganz schnell gehen."
Schätzungen des Umweltministeriums zufolge liegt die Population mindestens zehnmal so hoch wie die Abschussquote. Demnach könnten schon bis zu 900 der Tiere die heimischen Ökosysteme bevölkern. Bei einer ungebremsten Vermehrung könne der aus Asien stammende Verwandte des Hundes zu einem ernsten Problem werden, warnen Naturschützer. Im Gegensatz zum Waschbären scheue der Marderhund zwar bewohnte Gebiete, zudem könne er nicht klettern. Da das Tier jedoch in Thüringen fast keine natürlichen Feinde außer dem Menschen habe, stehe einer ungebremsten Vermehrung nichts im Wege.
Vor allem für kleinere Tierarten könnte der Neuankömmling zu Verhängnis werden: Auf dem Speiseplan des Marderhund stehen unter anderem Amphibien, Hasen, Kaninchen und bodenbrütende Vögel. Zudem steht er im Verdacht, Krankheiten zu übertragen. "Wir sind vor allem in Sorge wegen der weiten Wanderungen, die die Tiere teilweise zurücklegen", sagt von Knorre. Neben Raubsäuger-Krankheiten könnte der Marderhund auch die Afrikanische Schweinepest im Gepäck haben. "Bisher sind aber viele Dinge über den Marderhund einfach noch nicht bekannt, deshalb ist höchste Achtsamkeit geboten."
Selbst der Zoologe sieht in einer scharfen Bejagung die einzige Möglichkeit, die Bedrohung für die heimische Tierwelt gering zu halten. "Uns muss aber klar sein, dass wir das Problem nur eindämmen können - los werden wir diese Tiere nicht mehr", sagt Knorre. Nur Jäger, die ständig im Wald präsent seien und sich in ihrem Revier auskennen, seien zu einer effektiven Bekämpfung überhaupt in der Lage. Ein Sprecher des NABU will hingegen lieber eine "wachsame Begleitung".
Eine Abschussprämie könnte dem LJV zufolge durchaus helfen, die Abschussquoten zu erhöhen. In Zeiten klammer Staatskassen sei aber die Frage, wie so etwas finanziert werden solle. Grundsätzlich hätten die Jäger das Problem aber bereits erkannt und würden auch ohne Vergütung handeln.
Nach Thüringen wandert der Marderhund vor allem aus Nordosten ein, in Südthüringen wurde im vergangenen Jahr kein einziges Exemplar geschossen. Auch im Thüringer Wald seien die Tiere kaum anzutreffen, sagt Herrmann. Vor allem entlang der Uferzonen an Bächen und Flüssen herrschten jedoch gute Bedingungen. "Der Marderhund wird sicherlich nicht zu so einem flächendeckenden und verheerenden Problem wie der Waschbär. Aber in einzelnen Gebieten sind auf jeden Fall Schwierigkeiten zu erwarten."
dapd
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