Aktuelle Nachrichten – Kultur
30.09.2010
Berlin – Ein Schild mit der Aufschrift "Änderung von Damen" brachte Maria Cecilia Barbetta zum Schreiben. Auf dem Schild im Fenster einer Berliner Änderungsschneiderei fehlte der Bindestrich zu dem Wort Bekleidung in der nächsten Zeile. "Ich dachte, wenn ich der Sprache Glauben schenke, dann gehe ich da rein und ändere mich", sagt die 38-jährige argentinische Autorin. Betreten hat sie die Schneiderei dann zwar nicht. Geboren war jedoch der Wunsch, gezielt mit Sprache zu experimentieren. Und zugleich stand damit fest, wie ihr erstes Werk heißen würde: "Änderungsschneiderei Los Milagros". Der zunächst als Erzählung geplante Roman erschien 2008 und gewann unter anderem den Aspekte-Literaturpreis. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse mit dem diesjährigen Gastland Argentinien wurde das Werk jetzt auch als Taschenbuch veröffentlicht.
Sich selbst geändert – das hätte Barbetta damals gern, weil sie eine "sehr schwierige Zeit" durchmachte. Die in Buenos Aires ausgebildete Lehrerin war nach ihrer Promotion in Deutschland und einem Lehrauftrag an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) das erste Mal in ihrem Leben ohne Job, hatte keine berufliche Perspektive und massive Existenzängste. Vor der Arbeitslosigkeit hatte Barbetta nie ans Schreiben gedacht – dann kam das "Änderung von Damen"-Schild.
Die Argentinierin bewarb sich um zahlreiche Literatur-Stipendien, die sie auch bekam, und setzte sich zweieinhalb Jahre lang tagtäglich diszipliniert an ihr Buchprojekt. Ihre Änderungsschneiderei Los Milagros liegt in Barbettas Heimatstadt Buenos Aires. Dort arbeitet die junge Mariana Nalo bei ihrer Tante Milagros. Eines Tages kommt die junge Analía Morán in die Schneiderei und will das Hochzeitskleid ihrer Mutter für sich ändern lassen. Mit zahlreichen Rückblenden und Nebenschauplätzen entführt Barbetta in eine Welt zwischen Realem und Fantastischem.
"Änderungsschneiderei Los Milagros" ist aber nicht nur eine Geschichte über Liebe, Sehnsucht und enttäuschte Hoffnungen, sondern thematisiert sehr subtil auch die Zeit der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Zwar habe sie sich eigentlich erst bewusst gegen dieses Thema entschieden, "aber es gibt indirekt Momente, die sich darauf beziehen, die einfach reingeflossen sind", sagt Barbetta im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd. Der Roman spiele Ende der 80er, Anfang der 90er und die Protagonistin sei etwa 20 Jahre alt: "Sie muss diese Zeit gelebt haben."
Das dunkle Kapitel der argentinischen Geschichte ist auch untrennbar mit Barbettas eigenem Leben verbunden. Sie war vier, als die Militärjunta an die Macht kam, und elf, als diese zu Ende ging. Sie könne sich nicht bewusst an diese Zeit erinnern, sagt sie. "Aber ich habe eine enorme Angst gespürt, die man nicht definieren kann, und die man als Kind nicht versteht." Zuhause habe man wie in den meisten Familien nicht über das Terrorregime, unter dem Zehntausende Menschen verschwanden, gesprochen – und tue das bis heute nicht.
1996 kam Barbetta mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin. Sie wollte zunächst nur ein Jahr lang bleiben und zugleich die problematische Auseinandersetzung mit der Militärdiktatur auf dem südamerikanischen Kontinent lassen. Aus beiden Plänen wurde jedoch nichts. Inzwischen ist Barbetta bereits seit 14 Jahren in Deutschland, hat auch die deutsche Staatsangehörigkeit und kann sich eine Rückkehr nicht mehr vorstellen. "Ich kann in Argentinien nicht ungezwungen sein, ich habe bis heute keine dicke Haut entwickelt", sagt sie. "Aber das ist gut für den zweiten und dritten Roman."
Für Barbetta steht fest, dass auch ihre nächsten Bücher wieder in Buenos Aires spielen werden. "Ich kann dort nicht leben, aber ich muss zurückgehen, und das muss sachte sein." Alte und neue Heimat kombiniert sie, indem sie auf Deutsch schreibt. Zwar müsse sie häufig Wörter nachschlagen und habe "immer das Gefühl, dass die Sprache mir entgleitet. Aber so verliere ich nie die Lust".
Eine spanische Übersetzung von "Änderungsschneiderei Los Milagros" ist übrigens noch nicht auf dem Markt. Zwar gab es eine Fassung eines argentinischen Verlags, doch die gab Barbetta nicht frei: "Der Rhythmus des Textes und die Satzmelodie fehlten."
(dapd)
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