Städtereisen - Kulturreisen - Kurztripps – Marseille mausert sich zur „Europäischen Kulturhauptstadt“ – Bernd Kregel / Gastautor
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Beispielhaft + Fotogalerie Marseille mausert sich zur „Europäischen Kulturhauptstadt“

Bernd Kregel / Gastautor

23.09.2012

Blick über Marseille.   Foto: Edith Obrist/pixelio.de
Blick über Marseille.

Foto: Edith Obrist/Pixelio

An Marseille schieden sich bislang die Geister. Nun jedoch wird sie zu einem der angesagtesten Kulturzentren in Europa.

Da lacht sogar der Graf von Monte Christo. Und mit ihm sein Erfinder Alexandre Dumas, der ihm mit dem unwirtlichen Chateau d’If auf der kleinen schroffen Felseninsel vor Marseille ein ewiges Denkmal setzte. Als der schon zu Lebzeiten legendäre Autor einst der ausbruchsicheren Befestigungsanlage einen Besuch abstattete, zeigte ihm der Festungswärter die angebliche Zelle und dazu das Schlupfloch, durch das der Graf das Weite gesucht haben sollte. Auch durch den kritischen Einwand von Dumas, der es ja wissen musste, ließ sich der alte Mann seine Überzeugung nicht ausreden: „Er war hier, durch diese Öffnung ist er entwischt und nun Schluss damit!“

Ja, die Franzosen pflegen ihre Mythen. Und so schwebt der Mythos des rachedurstigen Grafen auch weiterhin über dem alten Gemäuer und gehört ebenso eng zu Marseille wie Gott zu Frankreich. Denn hier, so die verbreitete Vorstellung, fühle sich der himmlische Vater so wohl, wie sich nur irgendjemand wohlfühlen kann und sei er auch der Schöpfer persönlich. Vieles spricht dafür: der kultivierte Lebensstil, die kulinarischen Köstlichkeiten und was sonst noch. Doch trifft dies auch zu für Marseille, das einstige Schmuddelkind im Süden, dem über Jahrzehnte ein zweifelhafter Ruf voraus eilte?

Alter Hafen als Herzstück

Nein, dem vornehmen Paris im Norden konnte die in vielerlei Hinsicht heruntergekommene Hafenstadt nicht das Wasser reichen. Zumal die Deutschen in der Besatzungszeit der besseren Kontrolle wegen auch noch ein ganzes Stadtviertel in die Luft gesprengt hatten. Und als sich nach dem Weltkrieg bei empfindlicher Wohnungsnot auch noch die Rücksiedler aus dem verloren gegangenen Algerienkrieg hier zusammen drängten, da wurde selbst der Bezirk um den Alten Hafen, das Herzstück der Innenstadt, von dieser unglückseligen Entwicklung in Mitleidenschaft gezogen und verfiel.

Von alledem ist heute jedoch kaum noch etwas zu spüren. Das beweist schon der flüchtige Blick über die Stadt von der Terrasse der alles überragenden Kirche „Notre Dame de la Garde“, dem beliebten Wahrzeichen der Stadt. Aus dieser Vogelperspektive präsentieren sich 360 Grad Stadtkulisse, als hätten sie den Anschluss an andere Städte vergleichbarer Größenordnung gefunden: mit gepflegten Straßenschluchten, instand gesetzten Repräsentationsbauten sowie renovierten Fassaden, die in Form eines Hufeisens den Alten Hafen umschließen.

Hierher zieht es Einheimische und Besucher zuerst: an den Rand des mehrere tausend Spitzen zählenden Mastenwaldes, um hier unter schützenden Kolonnaden den obligatorischen Pastis zu genießen. Ebenfalls ein Mythos, der hier als süßlich bis herb schmeckendes Anisgetränk bei geselligen Anlässen niemals fehlen darf. Serviert in drei verschiedenen Sorten und in vier unterschiedlichen Gläsern, hat das Getränk in Marseille nicht nur Kultcharakter. Eingeweihte glauben sogar zu erkennen, welcher Typ Mensch sich hinter dem jeweiligen Glas verbirgt – und schweigen.

 

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