Berlin – Noch immer müssen zu viele Nutztiere leiden, bevor sie als Fleisch auf dem Teller der Verbraucher landen. Die Allianz für Tiere in der Landwirtschaft forderte deshalb am Dienstag in Berlin die Bundesregierung auf, dafür zu sorgen, dass das im Tierschutzgesetz festgeschriebene Verbot der Qualzucht auch in der Praxis umgesetzt wird. Denn die Hochleistungszucht bei Rindern, Schweinen und Hühnern führe zu zahlreichen Gesundheitsproblemen und Verhaltensstörungen bei den Tieren.
Der Allianz gehören Tier-, Umwelt- und Verbraucherschützer an. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds, Wolfgang Apel, kritisierte, noch immer würden Hühner als Legemaschinen missbraucht und endeten als „ausgemergeltes Gummihuhn“, das zu nichts mehr zu gebrauchen sei. Kühe seien mit einer Leistung von bis zu 40 Liter täglich inzwischen „Turbo-Milchautomaten“, die Hochleistungsfutter brauchten.
Die Situation in der Tierzucht sei eine Katastrophe, sagte Apel und forderte: „Weg von der tierquälerischen Zucht.“ Die Gesundheit der Tiere müsse wieder Vorrang vor der Leistung haben. Die Haltungsbedingungen müssten den Tieren angepasst werden statt die Tiere den Stallbedingungen.
Gerd Billen vom Verbraucherzentrale Bundesverband erklärte, der Tierschutz spiele beim Einkauf eine immer stärkere Rolle. Allerdings könne der Verbraucher nicht direkt in die Ställe schauen. Dies sei oft ein „Blick in ein Gruselkabinett“. Gefordert sei jetzt der Staat, der öffentliche Züchtungsforschung betreiben und den Verbraucher aufklären müsse, auch wenn dem dann die „Lust an der Pute“ vergehe. Der Verbraucher selbst solle sich intensiv damit beschäftigen, was auf seinem Teller lande.
Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Hubert Weiger, beklagte die zunehmende Verengung des Genpools. Heutzutage machten nur noch 15 Tierrassen 90 Prozent aller Nutztiere aus. 19 Haustierrassen seien vom Aussterben bedroht, 64 akut gefährdet. Im Stall finde man immer mehr „Perversitäten“ wie Schweine, die unter ihrem eigenen Muskelgewicht zusammenbrechen.
Der Gründer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten und ehemalige Fleischindustrielle Karl Ludwig Schweisfurth erklärte: „Turbotiere schmecken nicht.“ Dem mageren Fleisch hochgezüchteter Tiere seien die besten geschmacklichen Eigenschaften weggezüchtet worden. Mehr Leistung in immer kürzerer Zeit werde mit qualitativen Verlusten erkauft.
Die Konzentration auf wenige Rassen und Linien erhöhe zwar den Profit und garantiere niedrige Preise, bedeute jedoch zugleich einen Kulturverlust. „Die Gen-Ressourcen der alten Haustierrassen sind immer auch Geschmacks-Ressourcen, mit denen wir sorgsam umgehen sollten“, sagte Schweisfurth.
http://www.allianz-fuer-tiere.de/ (AP)
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