Aktuelle Nachrichten – Kultur
11.01.2012
Foto: Bernd Kregel
Warum sind so viele verrückt nach Max Raabe und seinem Palast Orchester? Denn alles ist – wie hier in der Kölner Philharmonie – ausverkauft bis auf den letzten Stehplatz, und vor der Tür halten Raabe-Fans Ausschau nach Einzelkarten, die jemand aus Gründen höherer Gewalt nicht selber für sich in Anspruch nehmen kann. Raabe ist ein Phänomen, denn und irgendwie scheint er die richtige Stimmung zur richtigen Zeit zu treffen. Nostalgie? Zeitgeist? Oder von beiden etwas?
Zweifellos sind es zunächst die altbekannten Ohrwürmer der zwanziger und dreißiger Jahre zwischen den Weltkriegen, die sich längst ins kollektive Unbewusste eingegraben haben: besinnlich wie „Irgendwo auf der Welt“, albern wie „Ich wollt ich wär’ ein Huhn“ und häuslich wie „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“. Oder sogar floral wie „Wenn die kleinen Veilchen blühen“ und – unübertroffen – „Mein kleiner grüner Kaktus“.
Es ist die melancholisch-heitere Art des Vortrags, die Raabe nun bereits seit mehreren Jahrzehnten kultiviert. Wie ein aus dem Ei gepellter Kavalier steht er da und erweckt den Eindruck, als habe diese Art von Musik ihren eigenen Interpreten gesucht und gefunden. Da herrscht pure Konzentration, wenn Raabe mit herab hängenden Armen völlig auf Gestik verzichtet und dadurch automatisch seine sonore Stimme sowie unverwechselbare Mimik in den Vordergrund stellt. Eine Augenweide wie auch das ganze Bühnenbild, das mit Lichteffekten im Stil jener Zeit nicht geizt.
Und doch wäre der Gedanke abwegig, das Museale stünde im Vordergrund. Zwar ist der für die damalige Zeit charakteristische Klang durchweg unverkennbar. Und ebenso die melancholische Grundstimmung sowie die von ironischem Augenzwinkern durchsetzte Art des Humors. Und dennoch scheinen die Darbietungen in ihrer besonderen Art auch den heutigen Zeitgeist zu treffen, wie der frenetische Beifall stets beweist.
Dafür gibt es noch einen weiteren Grund, der erst beim genaueren Hinhören auffällt. Denn Raabe vermischt die bewährten Stücke mit neuen Produktionen und Arrangements, bei denen ihm Annette Humpe und Christoph Israel zur Seite standen. Vom Charakter her sicherlich ähnlich und doch versehen mit aussagekräftigen Bildern und Begebenheiten der Neuzeit.
So die für den Sänger im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende Begegnung mit einer ICE-Schaffnerin in „Doktor, Doktor“ oder der Umgang mit einer Schweiß treibenden beruflichen Flaute in „Krise“, die von den Hörern gemeinsam mit dem Interpreten durchlebt und durchlitten wird. Neu ist auch das Stück „Küssen kann man nicht alleine“, das als Motto den Konzertabend überspannt. Eine Allerweltsweisheit, die es dann aber bei genauerem Zuhören in sich hat.
Und wie entlässt Raabe seine Gäste in die Nacht? Mit einem „Schlaflied“ der feinen Art, das Emotionen hervorruft und damit einen würdigen Abschluss des Konzertabends bildet: „Doch du, mein Schatz, musst schlafen geh’n / weil Sterne schon am Himmel steh’n / die Sonne ist schon längst in Agadir …“ Einfach schön! Und dazu einfühlsam begleitet vom Palast Orchester, das bei allen Stücken des Abends nicht nur den richtigen Ton trifft, sondern mit seinen originellen Einlagen auch durchweg für gute Stimmung sorgt.
So sind es an diesem Abend vor allem die fein dosierten Zwischentöne, die aufhorchen lassen, mitsamt der aller Melancholie zugrunde liegenden Heiterkeit. Sie ist es letztendlich, die ansteckt und als Hintergrundfolie dient für eine Sicht der Dinge, die den alltäglichen tierischen Ernst weit hinter sich lässt.
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