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26.06.2008
Frankfurt/Main – Die Zahlen sind erschreckend. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig, gut 6 Prozent sogar fettleibig – doppelt so viel wie vor zwei Jahrzehnten. Die motorische Leistungsfähigkeit ist seit 1975 um mehr als zehn Prozent zurückgegangen, denn heute sitzen die Kinder mehr vor dem Computer als draußen zu toben. Gegensteuern könnte mehr Sportunterricht an den Schulen, wie eine Studie der Universität Leipzig zeigt. Doch der fristet in Zeiten von Pisa und G8 weiter ein Schattendasein.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt beklagte bei der Vorstellung des Aktionsplans für mehr Bewegung am Mittwoch in Berlin „viele Sünden der Vergangenheit“. Sport durfte gerne mal ausfallen, wenn Lehrer fehlten, solange die Mathe-Stunde gesichert war, wie die SPD-Politikerin kritisierte. „Da ist man leichtfertig mit umgegangen.“
Eine Studie unter Leitung des Paderborner Sportwissenschaftlers Wolf-Dietrich Brettschneider zeigte 2005 die Defizite auf: Bundesweit fällt ein Drittel des Sportunterrichts aus, am wenigsten noch an den Gymnasien.
In den Grundschulen übernimmt nur in der Hälfte der Fälle ein Fachlehrer den Unterricht. Die Klassenlehrerinnen seien zwar engagiert, aber nicht hinreichend kompetent, sagt Brettschneider im AP-Gespräch. Dabei würden gerade in der „sensiblen Grundschulphase wichtige Grundlagen für die Motorik“ der Kinder gelegt. Aber ein Drittel in der Altersgruppe könne noch nicht schwimmen.
Zwar gebe es seit Erscheinen seiner Untersuchung positive Entwicklungen, etwa bei der Fortbildung der Lehrer. Doch die Sorge bleibe, dass der Schulsport zugunsten der Pisa-Fächer weiter reduziert werde, sagt Brettschneider.
Die Politik ist in dieser Frage bislang recht unverbindlich: Die Kultusministerkonferenz hält eine Stunde Sport in der Grundschule täglich für „wünschenswert“, in der Sekundarstufe „sollen drei Unterrichtswochenstunden die Regel sein“.
Dabei könnte schon die eine Stunde täglicher Bewegung messbar etwas gegen das Phänomen der dicken Kinder beitragen. In Klassen mit einer Stunde Sport am Tag gibt es weniger übergewichtige Kinder als in Klassen, die wie üblich zwei bis drei Unterrichtsstunden in der Turnhalle oder auf dem Sportplatz verbringen. Das geht aus einer Untersuchung der Uni Leipzig hervor.
Die Leistungsfähigkeit und die motorischen Fähigkeiten würden gesteigert und es lasse sich offenbar ein Trend zur Reduktion oder Verhinderung von Übergewicht feststellen, sagt die Leiterin der Studie, die Kardiologin Claudia Walther, der AP. So nahm der Anteil der übergewichtigen Kinder in der Gruppe mit zusätzlichem Sportunterricht von zwölf Prozent auf neun Prozent ab.
Die Wissenschaftlerin verweist darauf, dass diese Ergebnisse noch nicht statistisch belastbar seien. Ihre Langzeitstudie soll zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit mehr Schulsport später auch als Erwachsene gesünder sind. Derzeit untersucht sie 14 Klassen in Leipzig. Ein großer Teil der Elf- bis Zwölfjährigen „bewegt sich fast gar nicht“, hat Walther beobachtet: „Es haben nicht so viele Kinder Spaß am Sport.“
Brettschneider mahnt, im Kampf gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen die Schule zu überfordern. Gefragt seien auch die Eltern und eine bessere Ernährung. Doch sei die Schule besonders wichtig, weil sie – im Gegensatz zu den „mittelstandsorientierten Sportvereinen“ – als einzige alle Kinder und Jugendliche erreiche.
Doch gerade die Kinder, „die immer hinten rüber fallen“ seien auch in diesem Punkt wieder benachteiligt: Denn die Ausfallquote beim Sportunterricht an Hauptschulen sei besonders hoch. (AP)
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