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15.10.2011
Foto: Soe Than Win/AFP/Getty Images
Treffen sich drei Geschäftsleute, einer aus Amerika, einer aus England und einer aus Burma, um zu sehen, wer am besten prahlen kann. Der Amerikaner fängt an, „Ich kenne einen Landsmann, der den atlantischen Ozean durchschwommen hat, ganz ohne Beine." Daraufhin der englische Geschäftsmann, „Das ist nicht genug. Ich kenne einen Engländer, der den Kanal durchschwommen hat, ohne Arme und Beine." Sagt der Geschäftsmann aus Burma, „Das ist immer noch nicht genug. Unsere Regierung regiert seit 18 Jahren ganz ohne Kopf."
Für Witze dieser Art hat in Burma der Comedian Zarganar Berufsverbot bekommen. Als er mit der ausländischen Presse spricht und nach dem verheerenden Zyklon Nargis im Frühjahr 2008 beginnt, Hilfe für die Überlebenden zu organisieren, bestimmt das Regime: 59 Jahre Gefängnis sind hier angemessen. Einige Tage später wird die Strafe auf 35 Jahre geändert.
Zwangsarbeit, Rekrutierung von Kindersoldaten, Folter und Vergewaltigungen, Unterdrückung ethnischer Gruppen, Zensur von Meinungsäußerungen, Verhinderung von ausländischer Hilfeleistung nach dem Zyklon Nargis und der Missbrauch von politischen Gefangenen als Vorhut für das Militär in verminten Gegenden. Die Liste der Menschenrechtsverletzungen in Burma liest sich lang und überhaupt nicht humoristisch.
Am 12. Oktober 2011 kommt der bekannteste Comedian, Schauspieler, Dichter und Blogger von Burma, Zarganar überraschend mit anderen politischen Gefangenen frei. Der 50-Jährige, dessen wirklicher Name Ko Thura lautet, leidet unter Gelbsucht und Bluthochdruck, muss dringend medizinisch behandelt werden, aber die Haft hat ihn nicht brechen können. Als erstes nach seiner Freilassung spricht Zarganar, wie könnte es anders sein, mit der Presse. Er fordert die Freilassung der weiteren, geschätzten 2100 politischen Gefangenen, Anwälte, Mönche, und kündigt an, sich für ihre Freiheit einzusetzen. Laut Reporter ohne Grenzen sitzen mindestens 18 Blogger und Journalisten noch im Gefängnis.
Der deutsche Comedian Michael Mittermeier hat beim Projekt www.freezaganar.de mitgewirkt. Mit seinem ersten Filmprojekt "This Prison Where I Live" machte er auf Zarganar und Menschenrechtsverletzungen in Burma aufmerksam. Wir sprachen mit Mittermeier über die Freilassung des Komikers Zarganar.
Epoch Times: Sie haben Urlaub und nehmen sich die Zeit für ein Interview, vielen Dank dafür.
Michael Mittermeier: Ja, sicher. Das ist ja auch ein schönes Thema.
Epoch Times: Jetzt ist es ein schönes Thema.
Mittermeier: Vorher war es ein wichtiges Thema, jetzt ist es ein schönes Thema. Wir hoffen auch, dass es dabei bleibt, weil - man weiß ja leider nie.
Epoch Times: Glauben Sie, dass der Druck der Öffentlichkeit dazu beigetragen hat, dass Zarganar freigekommen ist?
Mittermeier: Ich bin mir sicher, da er bei der ersten Welle dabei ist, denn die burmesische Regierung hat noch nie etwas gemacht, ohne vorher zu kalkulieren, was es ihr bringt. Im Fall Zarganar hat die Öffentlichkeit sicher etwas ausgemacht. Nicht nur wegen uns, weltweit haben viele gewirkt: Amnesty International, Burma Campaign UK, es war auch ein Vertreter der deutdschen Bundesregierung in Burma, mit dem wir auch vorher gesprochen haben. Der hat auch versucht, Zarganar zu besuchen. Das waren ja alles Dinge, die zeigten, dass man das nicht mehr verschweigen kann. Ich glaube auch daran, wenn alle zusammen etwas versuchen, dass dann etwas gehen kann.
Die Welt in Burma wird nun nicht mit einem Schlag besser dadurch. Aber das ist mal eine tolle Momentaufnahme - auch für die Leute da draußen - dass man merkt: es kann etwas gehen. Denn oft sind die Leute frustriert und sagen: komm, das bringt eh nichts. Es ist schön, dann auch mal eine positive Nachricht zu haben.
Epoch Times: Wie kam es, dass Sie in dem Dokumentarfilm "The Prison Where I Live" mitgewirkt haben?
Mittermeier: Rex Bloomstein wollte eine Doku über Zarganar machen mit dem Material, das er gefilmt hatte, bevor Zarganar ins Gefängnis kam. Er hatte keine Geldgeber, keine Solidarität und so schrieb er weltweit Comedians an und fragte nach Solidarität. Ich bin sofort darauf angesprungen. Denn eigentlich müsste sich jeder Comedian mit einem solchen tapferen Kollegen solidarisieren. Denn das ist es ja, was wir gern wollen: dass wir Kabarettisten relevant sind. Zarganar ist relevant.
Epoch Times: Ihre Betroffenheit sieht man Ihnen in dem Film an.
Mittermeier: Wir waren ja auch in einer Situation, wo wir nicht gewusst haben: geht das jetzt auch für uns gut aus, oder nicht? In solchen Situationen befindet man sich ja nicht wirklich oft im Leben, dass man nicht weiß, ob die Behörden einen mitnehmen und einsperren ...
Epoch Times: Und Zarganar hat dies als Dauerzustand.
Mittermeier: Das ist ja die Größe, die er hat. Ein Freund von mir, ein Komödiant aus Kanada, hat gesagt: Zarganar is the bravest comedian on the planet. [Deutsch: Zarganar ist der mutigste Comedian auf dem Planeten.] Es wird wohl auch noch andere Comedians geben, die mutig ihren Weg gehen. Aber ich kenne jetzt speziell nur ihn, der sich so auf die Bühne wagt - und es jetzt wieder getan hat - obgleich er wusste: es kann sein, dass ich jetzt gleich wieder verhaftet werde. Er hat auch gestern am Flughafen gleich wieder Interviews gegeben, die er nicht hätte geben dürfen.
Epoch Times: Genau. Kaum steht er wieder leibhaft in der Öffentlichkeit, in diesem Fall vor Journalisten, beschwert er sich, dass andere politische Gefangene wie die buddhistischen Mönche noch immer im Gefängnis sitzen.
Mittermeier: Das war ja kein Zufall, er weiß genau was er tut. Er weiß: jetzt habe ich Aufmerksamkeit, ich komme raus, das wird auch in der Welt draußen gesehen. Ich nutze das sofort. - Obwohl er weiß, das könnte auch sein letztes Interview sein.
Epoch Times: Glauben Sie, dass er jetzt noch frei bleiben wird?
Mittermeier: Ich glaube nicht, dass sie ihn sofort wieder einsperren, weil die Regierung drüben, die Militärs, sie geben sich nicht die Blöße. Das wäre ein großer Gesichtsverlust. Das ist in Burma ja - was die die Menschen hier oft nicht verstehen - auch eine gesellschaftliche Geschichte: Gesichtsverlust ist das Schlimmste, was einem Burmesen passieren kann. An so etwas glaubt sogar noch eine brutale, niederträchtige Militärregierung.
Es wird nicht sofort passieren, glaube ich, also höchstens, dass sie komplett wieder eine Säuberung machen. So etwas kann immer passieren. Der Präsident, eigentlich aus den Reihen des Militärs, wagt sich ja ziemlich weit vor. Das hat es noch nie gegeben in Burma.
Epoch Times: Und im Nacken haben sie auch noch die Kommunistische Partei Chinas, die mischt ja bei Verfolgungen in ganz Asien mit. Gerade jetzt werden Journalisten in Vietnam und in Indonesien massiv verfolgt, weil sie Nachrichten über das Tabu-Thema-Nr. 1 in China, Falun Gong, per Kurzwelle nach China ausstrahlten. Meinen Sie, dass Burma sich jetzt von der Verbundenheit mit China mehr lösen will?
Mittermeier: Das ist ja eine reine Geschäftsbeziehung. Und es wird sich erweisen, welches Lager jetzt die Oberhand gewinnt. Es werden hoffentlich die sein, die reformwillig sind. Das ist auch die einzige Möglichkeit, wie in Burma überhaupt ein Wechsel passieren kann. Die Menschen da draußen... es wurden so viele erschossen und eingesperrt bei der „Safran-Revolution" 2007, also, es gibt da keine große Welle der Menschen mehr, die sagen, jetzt gehen wir auf die Straße, weil die wissen: die Vordersten werden dann einfach erschossen. Jetzt wird sich erweisen, ob vielleicht neue Kräfte da drinnen agieren. Wer gewinnt die Oberhand? Also es wird sehr spannend. Das ist jetzt kein gesetztes Ding, dass jetzt alles besser wird. Wir sind alle sehr gespannt.
Epoch Times: Zarganar will das offenbar herauskitzeln, das hat er gleich gezeigt. Jetzt ist er zunächst mal frei, wollen Sie Kontakt mit ihm aufnehmen, ihn treffen?
Mittermeier: Wenn das irgendwie möglich ist natürlich, aber das wird sehr schwer. Er wird nicht rausgehen, ich weiß nicht ob ich rein darf. Wir müssen irgendwie eine Möglichkeit finden. Aber wie das dann letztendlich passieren wird, kann ich Ihnen nicht sagen.
Epoch Times: Verraten Sie uns, was Sie mit ihm bereden wollen?
Mittermeier: Ich weiß es nicht, wir würden uns einfach erst einmal treffen und ich freue mich, einen Mann zu treffen, bei dem ich das Gefühl habe, ihn sehr gut zu kennen, ihn aber noch nie in meinem Leben gesehen habe. Und Zag wird sich, so denke ich, auch freuen, weil - der kennt mich ja auch nur vom Bildschirm. Er hat ja... die Doku wurde gestern den ganzen Tag lang in Burma, zwar illegal aber trotzdem, von der Democratic Voice of Burma zu Ehren seiner Freilassung ausgestrahlt. Also der wird das gesehen haben. Wir wollen für unseren Dokumentarfilm natürlich gerne ein Happy End. Also hintenan stellen oder vielleicht vornehin schneiden. Das muss man sehen. Ich habe eineinhalb Jahre dafür gekämpft, dass wir den Film im Fernsehen unterkriegen. Am 2. November läuft er im ZDF und jetzt drei Wochen vor der Ausstrahlung - und auch vor dem Release der DVD, die kommt auch raus am 4. November - da kommt der Zarganar raus! Ein bisschen schade ist, jetzt wird man bei der DVD hinten kein Happy End mehr anstellen können, weil die gefertigt ist. Wir machen noch einen Aufkleber drauf, dass wir gratulieren, dass er frei ist. Aber in der Zukunft - wer weiß? Das wäre einmal schön. Ich liebe ja auch Happy Ends.
Epoch Times: Wir wünschen Ihnen alles Gute.
Mittermeier: Ja, vielen Dank.
Epoch Times: Ich danke Ihnen auch für das Interview.
Das Interview führte Heike Soleinsky.
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