Fernreisen - Die Welt entdecken – Mit dem „Rocky Mountaineer“ durch den kanadischen Westen – Bernd Kregel / Gastautor
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Per Bahn von Vancouver nach Banff Mit dem „Rocky Mountaineer“ durch den kanadischen Westen

Bernd Kregel / Gastautor

21.06.2011

Aussichtswaggon im „Rocky Mountaineer“  Foto: Bernd Kregel
Aussichtswaggon im „Rocky Mountaineer“

Foto: Bernd Kregel

Wo der „Rocky Mountaineer“ durch die Wildnis rollt, ist der Weg das Ziel. Ein faszinierendes Reiseabenteuer in gediegenem Ambiente durch die kanadischen Rocky Mountains. Als Höhepunkt wartet zum Schluss der türkis schimmernde Lake Louise auf die Reisenden.

Ahnungsvolle Stille wölbt sich an diesem Junimorgen wie eine unsichtbare Decke über den Bahnhof von Vancouver. Unter ihr verdichten sich die Eindrücke von der lebensfrohen Stadt an der kanadischen Pazifikküste zu einem bunten Film, der mit immer neuen Sequenzen in der Erinnerung vorüberflimmert. Sein Drehbuch schrieb das abwechslungsreiche Miteinander von Wasser und Land, wie es in Buchten und Stränden, in Leuchttürmen und Brücken allenthalben begegnet.

In die kostbaren Augenblicke der Erinnerung mischt sich jedoch zunehmend die Anspannung des Aufbruchs. Denn schon warten die beiden Diesellokomotiven des „Rocky Mountaineer“ mit laufenden Motoren darauf, sich sogleich mächtig ins Zeug zu legen. Auf einer Strecke mitten durch die  Rocky Mountains, dem schwierigsten und gefährlichsten Teilstück der legendären „Canadian Pacific“-Strecke  zwischen Atlantik und Pazifik: „Unter jeder Meile ein toter Arbeiter“, heißt es vielsagend hinter vorgehaltener Hand. Und niemand vermag sich jetzt bereits vorzustellen, was ihn unterwegs wirklich erwartet.

Bergpanorama im Großformat

Und doch gibt es eine erste Orientierung. Es ist der geräumige Großraumwaggon, der zwei Tage lang als Ausgangspunkt für Landschafts- und Naturbeobachtung dienen soll. Die obere Ebene ist eine Licht durchflutete Konstruktion nach innen gewölbter Glasscheiben, die sich oben zu einer kuppelartigen Rundung vereinen und den Blick nach allen Seiten freigeben. Bietet sich damit tatsächlich die ungeahnte Möglichkeit, das gesamte Bergpanorama in Großformat vorüber gleiten zu sehen? Langsam weicht die Anspannung der Vorfreude auf ein außergewöhnliches Naturerlebnis.

Doch auch der Waggonteil unterhalb der Aussichtsebene hat seinen eigenen Reiz. Denn hier werden an festlich gedeckten Tischen die Mahlzeiten mit Gourmetqualität serviert, die nebenan in der Waggonküche gleichsam als Kunstobjekte Gestalt annehmen. Betten jedoch sucht man im gesamten Waggon vergeblich. Denn übernachtet wird auf halber Strecke in dem alten Pionierstädtchen Kamloops, wo auch, wie sich schnell herumspricht, zu einer sprühend unterhaltsamen Dinnershow eingeladen wird.

Kühne Konstruktionen aus Stahl und Beton

Erst einmal jedoch gilt das Interesse dem mächtig angeschwollenen Fraser River, der sich aus der parallel zur Küste verlaufenden Mountain Range heraus seinen Weg in den Pazifischen Ozean bahnt. Gleich drei Brücken sind erforderlich, um dieses natürliche Verkehrshindernis von Vancouver aus zu überwinden. Allesamt kühne Konstruktionen aus Stahl und Beton, die daran erinnern, dass sich das ursprünglich selbstständige British Columbia vor genau 125 Jahren dem größeren Teil Kanadas anschloss, nicht ohne dafür als Gegenleistung die verkehrstechnische Anbindung einzufordern. Erst dies sollte das riesige Land für die britische Krone komplett machen.

Doch bereits in den Jahren zuvor hatte die Gier nach dem Gold Abenteurer aus allen Richtungen in diese unwegsame Gegend gelockt. Denn ebenso wie weiter südlich am kalifornischen Sacramento River war auch hier das verführerisch glänzende Edelmetall gefunden worden, das schnellen Reichtum und Wohlstand versprach. Zahlreiche Ortschaften beiderseits der Bahntrasse zeugen noch heute von der plötzlichen Blüte und dem jähen Ende jener aufregenden Goldgräberära.

Dramatische Ereignisse am „Höllentor“

Da man bekanntlich nur sieht, was man weiß, versorgen die Waggonstewards David und Daniel ihre Gäste  nicht nur mit kühlen Getränken, sondern auch mit interessanten Informationen. Dabei verrät irgendwann am frühen Nachmittag ein ungewohntes Tremolo in Davids Stimme, dass an dieser Stelle etwas Außergewöhnliches geschehen sein muss. Alle Blicke richten sich nun nach vorn auf eine Felsspalte, durch die sich der Fraser River tosend und brodelnd hindurchzwängt. Eine kanadische Variante der Loreley?

Die mit diesem „Höllentor“ verbundene dramatische Geschichte reicht zurück in die Zeit des Eisenbahnbaus, als man durch massive Sprengungen versuchte, Raum zu schaffen für das Gleisbett. Dabei brach unerwartet eine der Felswände komplett ab und blockierte für längere Zeit das gesamte Flussbett. Nicht nur für die herab strömenden reißenden Wassermassen, sondern auch für die millionenfach herauf drängenden Lachse, die nun vergeblich versuchten, ihre gewohnten Laichgründe zu erreichen. Es folgte ein Massensterben ohne Ende, von dem sich der Fischbestand des Fraser Rivers und seiner Nebenflüsse nie wieder vollständig erholen sollte.

Die Tagesetappe endet schließlich in der alten Pionierstadt Kamloops am malerischen See gleichen Namens. Hier wird der Zug geteilt, ein lokales Ereignis, zu dem sich auch die „Kamloops Mounted Patrol“ in ihren schneidigen roten Uniformen die Ehre gibt. Und während sich die eine Zughälfte am nächsten Morgen in nördlicher Richtung nach Jaspers auf den Weg macht, behält die zweite Hälfte ihren Kurs in Richtung Osten bei. Dabei passiert der „Rocky Mountaineer“ genau die Stelle, an der einst unter Jubel mit einem symbolischen Hammerschlag der letzte Nagel der Transcontinental Railroad eingeschlagen wurde.

Schnaubender Aufstieg ins Hochgebirge

Immer steiler wird nun die Strecke, als sich der Zug schnaubend an der Flanke des schneebedeckten Mount Robson hinaufquält. Und genau hier war es, so weiß Daniel mit einem aufgeregten Leuchten in den Augen zu berichten, dass sich unlängst drei Bärenjunge auf einen Baum in unmittelbarer Nähe des Schienenstranges hinauf flüchteten. Als der sich jedoch unter der gemeinsamen Last nach unten neigte, purzelte eines der Tiere direkt auf diesen Aussichtswaggon. Hier verharrte es hilflos eine ganze Stunde lang, während sich die Mutter deutlich erkennbar an den Düften aus der Küche ergötzte – bis schließlich die Schwerkraft für ein unspektakuläres Ende dieser Begegnung der anderen Art sorgte.

Je höher sich nun das Gebirge vor dem Zug auftürmt, umso reißender wird auch der ihm entgegen strömende Fluss. Seinen in ungestümer Gischt aufwirbelnden Wassermassen verdankt er seinen einprägsamen Namen „Kicking Horse“. Berechenbar bei aller Wildheit ist nur, dass er irgendwann einmal durch ein verschlungenes System von Flussbetten hindurch in den Pazifischen Ozean einmünden wird.

Ganz im Unterschied zu all den Gewässern, die nach Erreichen des Passes auf der anderen Seite der „Continental Divide“ dem Atlantik zuströmen. Und dies bei einem Gefälle, dem die Bahntrasse auf Dauer nicht folgen konnte. So entschied man, es an einer besonders heiklen Stelle auf 2,2 Prozent zu halbieren, indem man die Strecke in ihrer Länge verdoppelte. Dies jedoch konnte nur gelingen, indem man in die beiden angrenzenden Berge spiralförmige Tunnels hineintrieb, die zusammen genommen die Form einer riesigen Acht bildeten. Ein genialer Kunstgriff, mit dem das Problem nun für alle Zeiten gelöst ist.

Türkis schimmernder Lake Louise

Nach dem Hochgebirge der Rocky Mountains kündigt sich am Nachmittag dieses zweiten Tages die letzte Attraktion der Reise an: der Nationalpark von Banff - Lake Louise in Alberta, angeblich der schönste seiner Art in ganz Kanada und noch der älteste dazu. So wird der Endpunkt der zweitägigen Reise mit dem „Rocky Mountaineer“ gleichzeitig zum Ausgangspunkt für die Entdeckung dieser Region an den westlichen Ausläufern der Rockies. Ob diese Gegend wohl ihrem guten Ruf gerecht wird?

Kein Zweifel: In einmaliger Schönheit erstrahlt der Lake Louise, in dessen türkis schimmernder Wasseroberfläche sich das Weiß der umgebenden schneebedeckten Berggipfel widerspiegelt. Als besonders faszinierend erweist sich auch der Blick auf die Seekulisse durch die Rundbogenfenster des unmittelbar angrenzenden „Chateau Lake Louise“, das zum nachmittäglichen „High Tea“ bei zarter Harfenmusik einlädt.

Perfekte Schönheit am Sulphur Mountain

In Banff selber ist es der Sulphur Mountain, der als Hausberg des Städtchens im wahrsten Sinne des Wortes herausragt. Mit einer Kabinen-Seilbahn ist der Gipfel leicht zu erreichen, von wo aus sich die Spitzen der umliegenden Berge beim Rundumblick in perfekter Schönheit in die Zacken einer riesigen Krone zu verwandeln scheinen. Hatte hier etwa eine höhere Schöpfungsinstanz ihre Hände im Spiel?

Der Blick hinunter in die Tiefe tut ein Übriges. Er fällt auf einen Hügel im Talkessel, an die sich die kleine Stadt wie Schutz suchend anschmiegt. Und seitlich davon, unübersehbar, erhebt sich das verwinkelte „Banff Springs Hotel“, eine architektonische Mischung aus Castle und Chateau. Allein vom äußeren Erscheinungsbild her wird verständlich, warum es schon im 19. Jahrhundert der Treffpunkt war für alle, die in ungewöhnlichem Rahmen eine außergewöhnliche Natur erleben wollten. Schon damals ein Reiseziel mit Exklusivcharakter.

Und doch ist es nicht das Ziel allein, das zählt. Denn wo der „Rocky Mountaineer“ dem Ruf der Wildnis folgt, ist bereits der Weg das Ziel. Ein faszinierendes Reiseabenteuer in gediegenem Ambiente, das in dieser Form weltweit seinesgleichen sucht.

www.rockymountaineer.com, www.britishcolumbia.travel, www.travelalberta.com

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