Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Mit dem Ruderboot durch die Antarktis – Sven Kästner
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Mit dem Ruderboot durch die Antarktis

Sven Kästner

12.04.2008

Expeditionsleiter Hendryk Wolski, vorne, rudert mit seinen Mitstreitern während der Jungfernfahrt des offenen Walbootes "Fuegia" über den Schwielowsee in Geltow bei Potsdam. (AP Photo/Sven Kaestner)
Expeditionsleiter Hendryk Wolski, vorne, rudert mit seinen Mitstreitern während der Jungfernfahrt des offenen Walbootes "Fuegia" über den Schwielowsee in Geltow bei Potsdam. (AP Photo/Sven Kaestner)

Geltow – Noch liegt das kleine Holzboot ruhig auf dem idyllischen Schwielowsee bei Potsdam. In einigen Monaten aber soll der Nachbau eines offenen norwegischen Walbootes einiges aushalten. Dann wollen Abenteurer Henryk Wolski und fünf Mitstreiter mit dem Schiffchen „Fuegia“ das Eismeer am Südpol durchqueren. Voranbringen soll sie allein ein kleines Segel sowie die eigene Muskelkraft, eingesetzt an sechs Rudern. Gut 200 Seemeilen hofft die Crew so auf dem eisigen Wedellmeer zurückzulegen.

In See stechen will das deutsch-polnische Team im kommenden November von der kleinen, menschenleeren Insel Paulet Island aus. Nach einigen Tagen wollen sie mit ihrem neun Meter langen und zwei Meter breiten Boot in Snow Hill Island anlegen. Wie lange genau die wagemutige Reise gehen soll, darauf will sich Expeditionsleiter Wolski nicht festlegen. „Das hängt sehr vom Wetter ab.“ Der 57-Jährige rechnet während des antarktischen Sommers mit Temperaturen um die null Grad. „Aber wenn Schnee und Wind kommen, dann fühlt sich das schnell wie minus zehn Grad an“, sagt er.

Mit der Expedition wollen die Abenteurer an den norwegischen Kapitän Carl Anton Larsen erinnern. Der Seemann hatte im Februar 1903 mit seinem Schiff „Antarctic“ eine kleine Gruppe Wissenschaftler von deren Überwinterungsstation auf Snow Hill Island abholen wollen. Auf dem Weg dorthin aber geriet er in Packeis, die „Antarctic“ sank in der eisigen See. Larsen konnte mit 20 Schiffbrüchigen in Ruderbooten nach zweiwöchigen Strapazen Paulet Island erreichen.

Obwohl die Lage in der menschenleeren Eiswüste aussichtslos schien, gaben die Männer damals die Hoffnung nicht auf. Ihnen war klar, dass Hilfe von außen nicht kommen würde. Weil der bevorstehende Polarwinter aber ein Weiterfahren unmöglich machte, verbrachten sie die kommenden Monate in einer selbst errichteten Steinhütte. Erst im folgenden Oktober wagten Larsen und fünf weitere Männer den Versuch, in einem der Rettungsboote Snow Hill Island zu erreichen.

Schiff vom Eis zerpresst

Nach neun Tagen strapaziöser Überfahrt im kleinen Walboot kamen die Gestrandeten tatsächlich dort an. Nur Stunden zuvor hatte ein argentinisches Schiff angelegt, dass zur Bergung der Wissenschaftler ausgesandt worden war. Am Ende konnten alle Beteiligten gerettet werden. „An die beeindruckende menschliche und seemännische Leistung des Kapitäns Carl Anton Larsen wollen wir erinnern“, sagte Wolski.

Aber die Reise soll auch für eine folgende wissenschaftliche Expedition werben. Dabei wollen Wissenschaftler Messungen der ersten deutschen Südpolarexpedition von 1902 wiederholen, um Änderungen an der Masse antarktischer Gletscher während des vergangenen Jahrhunderts bestimmen zu können. Davon versprechen sie sich wichtige Erkenntnisse über die Auswirkungen des Klimawandels auf das ewige Eis im Süden.

Wolski und seine Leute haben schon einige ähnliche Projekten hinter sich. „Ich segele, seit ich zehn Jahre alt bin“, sagt der. Expeditionsleiter. „Aber einfach nur segeln ist mir zu langweilig. Deshalb fahre ich historische Routen ab. Die erste Tour war auf den Spuren Odysseus.“ Es folgte im Jahr 2000 eine Reise mit dem Abenteurer Arved Fuchs in die Antarktis. 2006 organisierte Wolski eine Expedition durchs Schwarze Meer. Auch die übrigen Mitfahrer, darunter eine Frau, haben ähnliche Erfahrungen.

GPS nur zur Sicherheit

Bedenken, ihr kleines Schiff könnte dem tosenden Eismeer nicht standhalten, haben die Abenteurer nicht. „Solche Bootstypen haben dem Walfang auf Ozeanen gedient, die halten das aus“, versichert der Erbauer des Gefährts, Janusz Kowal, der die Tour am Südpol mitmachen will. Zudem sei seine Konstruktion unsinkbar, weil er für zusätzlichen Auftrieb Styropor in den Seitenwänden verbaut habe. Sollte ein Brecher über das flache Boot fegen, müsse das Wasser allerdings mit Eimern wieder ausgeschöpft werden.

Auch bei der Navigation setzen die Abenteurer auf traditionelle Instrumente. „Ein GPS-Gerät haben wir nur zur Sicherheit mit“, erklärt Wolski. Ihre Jungfernfahrt hat die „Fuegia“ am Samstag im Schwielowsee auch ohne größere nautische Herausforderungen bestanden. Demnächst wird das Boot selbst verschifft. Zunächst wird es nach Feuerland gebracht, von dort aus geht es weiter in die Antarktis. Im November will dann Wolskis Crew anreisen. „Wir werden auf Paulet Island campen und auf günstiges Wetter warten“, sagt der Abenteurer. „Und dann geht es los.“ (AP)

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