Städtereisen - Kulturreisen - Kurztripps – Mit Jules Verne ins vorweihnachtliche Nantes – Bernd Kregel / Gastautor
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Reise zum Mittelpunkt der Visionen Mit Jules Verne ins vorweihnachtliche Nantes

Bernd Kregel / Gastautor

04.12.2011

Zwölf Meter hoher Elefanten-Koloss, inspiriert von Jules Verne. Foto: Bernd Kregel
Zwölf Meter hoher Elefanten-Koloss, inspiriert von Jules Verne.

Foto: Bernd Kregel

Bezaubernd und zugleich anregend präsentiert sich die Stadt an der Loire zur Vorweihnachtszeit.

Er war ein Mann, den niemand und nichts aufhalten konnte: 20.000 Meilen unter dem Meer, fünf Wochen im Ballon, in achtzig Tagen um die Welt und schließlich eine Reise zum Mittelpunkt der Erde! Für das 19. Jahrhundert waren dies zweifellos unglaubliche Taten, nur zu vollbringen in der Fantasie eines Mannes, der das Abenteuer suchte und sich mit dessen Bewältigung gedanklich auseinandersetzte. Darin ein Vorbild vor allem für Tüftler und Zukunftsforscher, die sich von seinem futuristischen literarischen Werk anregen und begeistern ließen.

Geboren in Nantes, dem französischen Venedig an der Loire, hat Jules Verne in der einstigen Hauptstadt der Bretagne zahlreiche Spuren hinterlassen: mit seinem stattlichen Geburtshaus, seiner Taufkirche und seit geraumer Zeit auch mit einem Museum, dessen helle Fassade sich auf der Oberfläche der träge dahin strömenden Loire widerspiegelt. Geradezu ein Markenzeichen der Stadt für alle Besucher, die vom Atlantik her flussaufwärts mit ihren Kreuzfahrtschiffen bis genau hierher anreisen dürfen. Macht doch der flache Wasserstand der Loire die Weiterfahrt zu den weiter östlich gelegenen Schlössern unmöglich.

Reichtum durch „Dreieckshandel“

Die Schriftstellerei war jedoch nicht die einzige Leidenschaft, der sich Jules Verne einst mit Leib und Seele verschrieb. Auch der Schiffbau lag ihm am Herzen und damit das gesamte Fluidum der Werften, die hier, fünfzig Kilometer vom Atlantik entfernt, beheimatet waren. So zögerte er nicht, sich ebenfalls ein Segelboot anfertigen zu lassen, um unter Ausnutzung der deutlich spürbaren Gezeiten die von den Flussarmen der Loire durchzogene Inselwelt von Nantes zu durchstreifen und zu erkunden.

Die Idylle war jedoch nur vordergründig. Denn noch wurden von hier aus ganze Flotten von Segelschiffen auf die Reise geschickt, um in Westafrika die aus Europa mitgebrachten Waren gegen Sklaven einzutauschen. Durchweg bemitleidenswerte Kreaturen, die anschließend unter menschenunwürdigen Zuständen nach Amerika verschifft wurden, wo sie sogleich Platz machen mussten für Güter aus der Neuen Welt. So entwickelte sich Nantes zum Hauptausgangspunkt  des berüchtigten „Dreieckshandels“, bei dem sich der spekulative Einsatz der Geldgeber nicht selten verfünffachte.

Und wer wollte damals schon auf den Reichtum verzichten, der auf diese Weise von Afrika über Amerika in die Stadt zurück schwappte. Erinnern nicht noch heute manche der prächtigen Fassaden an jene bewegte Zeit? Besonders zur Vorweihnachtszeit, wenn die gepflegten Straßenzeilen in festlichem Glanz erstrahlen und die Plätze mit einladenden Verkaufsständen  eine bezaubernde Atmosphäre verbreiten.

Stadt mit Gourmetqualität

Reisebegleiterin Christel, die sich in ihrer Stadt bestens auskennt, führt hinein in einen der kleinen Läden, die mit warmem Licht und filigran gestalteter Innenausstattung augenblicklich die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die von intensivem Schokoladenduft durchsetzte Luft macht es nicht leicht, die süßen Gelüste im Zaum zu halten. Es ist das verführerische  Reich des Chocolatiers Débotté, der mit seiner Schokoladenspezialität „Le Mascaron Nantais“ besonders in der Vorweihnachtszeit ganze Scharen von Naschkatzen in den siebenten Genusshimmel katapultiert.

Doch besser nicht zu diesem Zeitpunkt. Denn noch steht der Besuch in dem Restaurant „La Cigale“ bevor. Allein schon in seinen Räumlichkeiten ein Kunstwerk aus üppigem Jugendstil, der in seiner optischen Vielfältigkeit konkurriert mit der Gourmetqualität des Hauses. Jedes der Tatargerichte eine individuelle Anfertigung durch den Chef persönlich, der mit gekonnten Bewegungen am jeweiligen Tisch die Gelegenheit nutzt zu einem originellen Schauspiel der kulinarischen Art.

Bewegliches Bauwerk als Symbol

Dermaßen gestärkt ist es nun am frühen Nachmittag an der Zeit, mit dem kleinen Fährboot auf die „Ile de Nantes“ überzusetzen, jene längliche Flussinsel, die von den beiden Armen der Loire umschlossen wird. Es ist jener Ort, an dem mit dem Ende des Schiffbaus vor 25 Jahren plötzlich ein riesiges Gelände frei wurde, das sich nach und nach mit modernen architektonischen Meisterwerken wieder füllt. Gleichsam als die Vorboten eines völlig neues Stadtzentrums, das hier bereits Gestalt annimmt.

Doch gegenwärtig scheint es Wichtigeres zu geben. Denn scharenweise zieht es die Menschen zu einem schwergewichtigen „Bauwerk“ von vier Stockwerken, das sich schnaufend auf vier Beinen über das Inselgelände bewegt. Es ist dies die Nachbildung eines Elefanten, der trotz seiner unglaublichen Höhe von zwölf Metern wie echt aussieht und sich bereits in kürzester Zeit zum Symbol der Stadt gemausert hat. Steht er doch in der Tradition des gedanklichen Konstrukteurs Jules Verne, „dessen literarischem Werk er entsprungen sein könnte“. So jedenfalls erklärt es Begleiterin Christel, die ihre Begeisterung gern eingesteht.

Ein Atelier aufregender Maschinen

Und das ist längst noch nicht alles. Denn für das Jahr 2012 plant die Stadt ein Karussell, das alle vergleichbaren Merry-Go-Rounds auf der Welt in den Schatten stellen wird. Schon sieht man es als Gerüst vierzig Meter hoch in den Himmel ragen. Nicht weit entfernt vom Trampelpfad des Elefanten sind bereits in einem hallenartigen Atelier die Maschinen aufgestellt, mit denen – ebenfalls im Stil Jules Vernes  – die Drehebene des riesigen Karussells bestückt werden soll.

Schrecken verbreitende Figuren sind es aus dem Bereich der maritimen Mythologie, so groß, dass mehrere unerschrockene Akteure Platz auf ihnen finden, um dort mit Hebeln und Rädern die Einzelteile der mechanischen Wunderwerke in Bewegung zu setzen. Als geradezu abenteuerlich erscheinen der Zähne fletschende Drache und die wenig Vertrauen erweckenden Fische, so groß, als könnten sie sogar einen Menschen verschlingen. Ganz zu schweigen von dem Riesenkraken, der – ähnlich wie bei Vernes U-Boot-Drama – diesmal ein kleines Segelschiff  mit menschlicher Ladung bei sprühendem Seegang vor sich hertreibt.

Einstiges Zentrum der Bretagne

Wie beruhigend dagegen in der Innenstadt die mittelalterliche Fassade der Kathedrale, in der unter hoch aufragenden Säulen Franz II., einst einflussreicher Fürst der Bretagne, seine letzte Ruhe gefunden hat. Auf seinem Grabmal aus weißem Marmor wirken die menschlichen Figuren so echt, als seien sie bei einem plötzlichen Kälteeinbruch erstarrt und müssten, von wem auch immer, wieder wach geküsst werden: einmal die eitle Schönheit mit ihrem Spiegel und andererseits die gestrenge Gerechtigkeit mit Waage und Schwert. Ja selbst bei dem aufrecht sitzenden Hund müsste man sich nicht einmal wundern, würde er den Besuchern mit lautem Gebell entgegen laufen.

Bevor Franz II. das Zeitliche segnete, residierte er in einem nur wenige Meter entfernten prächtigen Schloss. Seine gesamten Ausmaße können nur erahnt werden, da die Explosion eines der Pulvertürme einen großen Teil des Gebäudes zerstörte. Dieser Umstand hielt jedoch auch Ludwig XIV. nicht davon ab, dem Schloss einen Besuch abzustatten, das sich heute den Gästen als eindrucksvolles Stadtmuseum präsentiert.

Neu zu entdeckender „Muscadet“

War es gar der gute Wein im Mündungsgebiet der Loire, der den Sonnenkönig hierher zog? Oder war er besonders angetan von einer durch die Italiener beeinflussten Architektur, bei der die roten Dächer der Weingüter eindrucksvoll kontrastieren mit dem intensiven Grün der Weinreben? Das malerisch in einem gepflegten Garten gelegene Chateau de la Cassemichère ist eines von ihnen und kann von Nantes aus in wenigen Minuten erreicht werden.

Das Schloss ist die Wiege des legendären Muscadet-Weißweines, der im Jahr 1740 erstmals auf diesem fruchtbaren Boden mit der aus Burgund stammenden Traube Melon Bourgogne angepflanzt wurde. Schlossbesitzer Daniel Ganichaud geleitet seine Gäste persönlich in seinen Weinkeller, um ihnen inmitten der Weinfässer die verschiedenen Jahrgänge unter allgemeiner Zustimmung vorzuführen.

Sechstausend Weinliebhaber konnte er auf diese Weise im letzten Jahr begrüßen und von der „Fülle des Aromas und der Unwiderstehlichkeit des Charakters“ seiner Weine überzeugen. Und sich freuen auf einen guten Jahrgang 2011, der in dekorativen Fässern aus französischer Eiche ungefähr sieben bis acht Monate heranreifen wird. Dreißig Prozent davon für den Export nach Kanada, England, Belgien und Irland. Und bald wohl auch nach Deutschland, wo es mit dem „Muscadet“ – nicht zu verwechseln mit der „Muskat“-Traube! – noch etwas Neues zu entdecken gibt.

Ähnlich verhält es sich mit Nantes zur Vorweihnachtszeit. Sicherlich ist die Stadt keines der am meisten angesteuerten französischen Reiseziele. Und doch ist sie voller Charme und Liebenswürdigkeit. Und nicht zuletzt der Ort, von dem aus Jules Verne aufbrach, um für die Welt den Aufbruch in die Zukunft erlebbar zu machen.

www.nantes-tourisme.com, www.levoyageanantes.fr, www.paysdelaloire.de

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