Weimar - Der Beifall wollte nicht enden: Stehende Ovationen gab es am Montagabend für das WestEastern Divan Orchestra unter seinem Dirigenten Daniel Barenboim beim Kunstfest in Weimar. Vor sieben Jahren war das Orchester in der Klassikerstadt gegründet worden, und es gleicht einem Wunder, dass die jugendlichen Musiker aus Israel, Palästina, Libanon, Ägypten, Jordanien und Syrien in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzung in Nahost überhaupt gemeinsam gastieren konnten.
«In diesem Jahr steht unser Projekt in scharfem Kontrast zu der Grausamkeit und Brutalität, die so vielen unschuldigen Zivilisten ein normales Leben und die Erfüllung ihrer Ideale und Träume unmöglich macht», heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des Orchesters. «Es gibt keine militärische Lösung für den Konflikt zwischen Israel und Palästina.»
Die meisten der jungen Musiker unterschiedlicher Herkunft hat es private Auseinandersetzungen und Konflikte mit ihren Familien gekostet, um überhaupt an der diesjährigen Tournee teilnehmen zu können. «Jeder von diesen jungen Damen und Herren hat einen unglaublichen Mut gezeigt, um hierher zu kommen», sagte Barenboim.
Das gemeinsame Musizieren im Geist der Brüderlichkeit und Toleranz hat etwas Befreiendes. Das war schon dem furiosen Auftakt der Leonoren-Ouvertüre von Beethoven während des Konzerts im Weimarer Nationaltheater anzumerken. Sie ertönte als Programmänderung für eine Mozart-Symphonie, die nicht gegeben werden konnte, da einer der Solisten wegen der politischen Lage im Nahen Osten absagen musste. Und dass mit fast tänzerischer Leichtigkeit Giovanni Bottesinis Fantasia nach Themen von Rossini in neuer Transkription gegeben wurde, war offenkundig das Ergebnis des feinfühligen pädagogischen Geschicks des Dirigenten.
«Es war natürlich eine schwere Zeit für uns, miteinander zu proben, geschweige denn miteinander zu leben in einer Zeit, in der der Krieg läuft!» sagte Barenboim und beschrieb das Orchester als «eine kleine unabhängige Republik». Eigentlich seien sie sogar noch mehr zusammengewachsen in den schweren Tagen. Natürlich sei er traurig darüber, dass einige weggeblieben seien. Doch einem Mädchen aus dem Libanon sei es sogar gelungen, zehn Tage nach Probenbeginn zum Orchester nach Sevilla zu gelangen.
«Keiner, der am 24. Juli zu den Proben gekommen ist, ist weggegangen. Das verstehe ich unter Konsens, selbst wenn sechs von 97 jungen Musikern unsere gemeinsame Erklärung nicht unterschrieben haben. Voller Konsens ist auch für unser Projekt erst erreicht, wenn wir überall spielen können: In Libyen, Syrien, Jordanien, Ägypten Palästina und Israel», betonte Barenboim.
Zur Bedeutung gerade dieses Orchesters für ihn, erklärte der weltberühmte Dirigent: «Es ist das Wichtigste, was ich tue!» An Aufgeben hat er selbst dann nicht gedacht, als die kriegerischen Auseinandersetzungen im Juli im Nahen Osten ausbrachen.
«Derjenige, der denkt, der Krieg in Nahost ist weit weg, der ist dumm. Der Konflikt ist vor der Tür von Europa!» erklärte Barenboim. Im Kern sei es ein Konflikt zwischen zwei Ländern, die beide das Recht hätten, auf einem Flecken der Erde zu leben. Seiner Meinung nach könne es nicht so sein, dass einer Recht bekomme und der andere verliere. «Beide Länder sind verdammt, eine Lösung zu finden!»
(AP)
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