Foto: dapd/Mark Keppler
Hemmerich/Goch/Essen – Sie stehen mitten im Leben, haben viel geleistet und wollen nun die Freiheit auf zwei Rädern genießen. Die Rede ist von Frauen über 50, die anscheinend immer öfter ihre Leidenschaft fürs Motorradfahren entdecken und entsprechend handeln: Sie gehen Jahrzehnte nach dem Erlangen des Autoführerscheins wieder in die Fahrschule, erarbeiten sich dort problemlos und in kurzer Zeit ihren Führerschein und schwingen sich anschließend auf ihr Bike, das schon längst in der heimischen Garage auf den ersten Ausritt wartet.
So war es beispielsweise bei Barbara Lüssem (58) aus Hemmerich im Rheinland. Ihre Suzuki Savage war schon gekauft, als sie noch nicht einmal die theoretische Prüfung abgelegt hatte. Aber lange musste die Mutter von zwei Kindern bis zu ihrer ersten Tour nicht warten. Binnen weniger Wochen bestand sie sowohl die theoretische als auch die praktische Prüfung fehlerfrei. Direkt im Anschluss fuhr sie mit ihrem Motorrad zu ihrem Mann und überbrachte die frohe Kunde. Noch am gleichen Abend ging es dann gemeinsam auf eine kleine Ausfahrt. Das war vergangenen Sommer, seitdem nutzt Barbara jede Gelegenheit zum Motorradfahren.
Auf den Geschmack kam die kaufmännische Angestellte vor zwei Jahren als sie mit ihrem Mann auf einer Harley Davidson die legendäre Route 66 in den USA entlangfuhr. Zu der Bikertruppe gehörten auch drei Frauen, die selbst fuhren. "Da war ich richtig neidisch und dachte mir: 'Die können selbst fahren und ich muss gelangweilt hinten drauf sitzen'. Das hat zum Entschluss geführt, selbst den Führerschein zu machen. Außerdem wusste ich vorher gar nicht, wie schön Motorradfahren ist", erklärt die Bikerin.
Das wusste Rita Menke aus Goch am Niederrhein dagegen schon: "Motorradfahren habe ich von Kindesbeinen an als toll empfunden. Mein großer Bruder hat mich oft mitgenommen und meine Begeisterung geweckt." Dennoch hat die heute 50-Jährige als junge Erwachsene nicht den Motorradführerschein gemacht, sondern das dafür nötige Geld für andere Dinge ausgegeben. "Das galt allgemein als vernünftig. Außerdem gab es immer Menschen um mich herum, die gesagt haben 'Das ist ja so gefährlich'", beschreibt Rita die Gründe für ihr langes Zögern. Das änderte sich erst durch ihren Motorrad fahrenden Freund, vielmehr durch dessen Wechsel von einer Tourenmaschine zu einem Chopper. Denn für Rita wurde dadurch der Platz für die Sozia deutlich unbequemer. "Das hat dann den endgültigen Ausschlag gegeben", erklärt die Managerin, die nun seit einigen Wochen selbst auf einem kleinen Chopper durch die Lande cruist.
Dass heute allgemein mehr Frauen älteren Semesters auf dem Motorrad unterwegs sind als noch vor einigen Jahren, zeigte sich bei den Biker-Treffs an den wenigen sommerlichen Tagen in diesem Jahr ebenso wie an der Besucherstruktur der vor Kurzem zu Ende gegangenen Motorradmesse "Intermot" in Köln: Es waren deutlich mehr aktive Frauen im Alter über 45 Jahren zu sehen. Zahlen, die den Trend bestätigen, gibt es nicht - noch nicht. Das liegt allerdings überwiegend daran, dass die Branche erst vor wenigen Jahren die älteren Biker als Klientel entdeckt hat und gerade erst damit anfängt, Frauen als Kunden wahrzunehmen. Deshalb verfügt beispielsweise der Industrie-Verband Motorrad Deutschland (IVM) "auch noch über keine Marktforschung zu diesem Thema", sagt Achim Marten vom IVM.
Rein statistisch kann vorerst nur festgestellt werden, dass die Zahl der erworbenen Klasse-A-Führerscheine seit 2010 nach vielen Jahren des Sinkflugs wieder deutlich gestiegen ist, um 7,57 Prozent auf 109.738 Lizenzen. Auch der Absatz an motorisierten Zweirädern legte 2011 um 1,9 Prozent zu, die Zahl der neuzugelassenen Bikes ist im bisherigen Jahresverlauf weiter gestiegen. Sicher ist auch, dass die Gruppe der älteren Motorradfahrer immer größer wird: 59 Prozent der rund drei Millionen Biker in Deutschland sind gemäß einer Erhebung des Institut für Demoskopie (IfD) älter als 40 Jahre, 1998 traf das gerade mal auf rund 29 Prozent zu. Den Trend "Frau und Motorrad" bestätigt auch der IVM. "Beispielsweise haben an unseren Vivalamopped-Roadshows auffällig viele Frauen teilgenommen. Subjektiv erobern Frauen in allen Altersgruppen diese gute alte 'Männerwagenburg' in Riesenschritten", sagte Marten. Und sie genießen das Fahrgefühl und die viel beschworene Freiheit auf zwei Rädern vermutlich genauso wie Barbara Lüssem und Rita Menke.
dapd
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