Frankfurt/Main - Es soll Menschen geben, die bei dem Wort Matthäuspassion zuerst an die dynamischen Vorstöße des heiligen Lothar denken und für die Heiligabend dieses Jahr schon in der Nacht des 9. Juli ist, wenn das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. Für diese Anhänger der einzig wahrhaftigen Weltreligion, gibt es nun die dazugehörige Heilige Schrift: »Fußball Unser«. /b>
In goldenen Lettern glänzt der Titel auf dem schwarzen Ledereinband und verhehlt kaum den Anspruch des taschengroßen Büchleins, die ultimative Fußball-Bibel zu sein. Jedoch steht die Wirklichkeit diesem Anspruch kaum nach, denn »Fußball unser« erweist sich tatsächlich als ideale Wissensquelle für all jene, die auf der Suche nach der höheren Wahrheit bereits alle »Kicker-Sonderhefte« auswendig gelernt und alle Panini-Fußballalben der letzten 20 Jahre vollgeklebt haben. /b>
In ihrer eklektischen Zusammenstellung von Anekdoten, Grafiken und Tabellen erinnert diese Fußball-Fibel stark an das Sammelsurium von Ben Schott. Nur dass es sich eben auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben beschränkt. So erfährt man beispielsweise, mit welcher Geschwindigkeit die Welle »La Ola« durch die Fußballstadien schwappt oder wer dafür verantwortlich ist, dass der Name von David Beckhams Frau Victoria mit einem Schreibfehler auf den Unterarm des Fußballprofis tätowiert wurde. /b>
Auch für linguistisch Passionierte hat das Buch einiges zu bieten. Es verfolgt die sprachhistorische Geschichte der sprichwörtlichen »Arschkarte« bis zu ihrem Ursprung in den Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens. Damals versuchten Schiedsrichter Verwirrung unter den Zuschauern vor den Monochrom-Bildschirmen zu vermeiden indem sie die gelbe Karte in ihrer Brusttasche verwahrten und nur die fatale rote Karte aus ihrer Gesäßtasche zogen. /b>
Ähnlich aufschlussreich könnte der linguistische Hinweis für Alpen-Überquerer sein, dass österreichische Fußballballfreunde unter einem »Gurkerl« einen Beinschuss verstehen, einen Tritt gegen das Schienbein als »Schinkerl« bezeichnen und das Wort »Eiergoalie« einen Torhüter zur Spezies der »Fliegenfänger« degradiert. /b>
Überbringer dieses Wissensschatzes sind drei Fußball-Weise aus dem Süden der Republik: Der Sportredakteur der »Süddeutschen Zeitung«, Christian Zaschke, der Journalist Eduard Augustin und der Grafiker Philipp von Keisenberg. Ihre kuriosen Fakten und abstrusen Geschichten werden Fußball-Verrückte verzücken. /b>
Doch die Autoren vernachlässigen dabei nicht ihren missionarischen Auftrag gegenüber jenen Zweiflern, die den Fußball als fundamentale Religion in Frage stellen. Ihnen wird berichtet, dass sogar der Atheist Albert Camus und Papst Johannes Paul II. durch einen gemeinsamen Glauben verbunden waren: Beide hatten sie in Jugendmannschaften als Torhüter gespielt. Somit erweist sich »Fußball Unser« als ein ähnlich wertvolles Geschenk, wie ein Gefäß voll Myrre und Weihrauch: Der praktische Nutzen ist eher gering, aber es versüßt durchaus das Leben. (Janek Schmidt) /b>
Eduard Augustin, Philipp von Keisenberg und Christian Zaschke: »Fußball Unser - Was man nicht alles wissen muss«, Süddeutsche Zeitung, ISBN 3866152205, Preis: 18 Euro.
Buchmesse Frankfurt 2006
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