Aktuelle Nachrichten – Deutschland
24.09.2006
Lathen - Nach dem schweren Transrapid-Unglück im Emsland ist die Leitstelle der Teststrecke ins Visier der Ermittler geraten. Wie der Sprecher der Osnabrücker Staatsanwaltschaft, Alexander Retemeyer, am Wochenende sagte, war für die beiden Fahrdienstleiter eindeutig erkennbar, dass sich der Werkstattwagen auf der Strecke befand und den Transrapid behindern würde. Die zwei hätten noch nicht vernommen werden können, weil sie unter Schock stünden. In Berlin begannen unterdessen Gespräche über die Zukunft der Magnetschwebebahn.
Retemeyer sagte mit Blick auf die ersten Ermittlungsergebnisse: «Nach menschlichem Ermessen war klar, wo dieses Sonderfahrzeug auf der Strecke stand.» Der Staatsanwalt verwies darauf, dass in einem Buch in der Leitstelle alle Fahrzeugbewegungen eingetragen werden müssten, was auch geschehen sei. Schließlich war nach den Worten des Staatsanwalts in dem Buch nicht vermerkt, dass das Sonderfahrzeug den Auftrag erhielt, die Strecke zu verlassen, was eigentlich hätte der Fall sein müssen, wenn dieser Befehl erteilt worden wäre.
Laut Retemeyer konzentrieren sich die Ermittlungen auf Grund der jüngsten Erkenntnisse auf die beiden Mitarbeiter in der Transrapid-Leitstelle. Auf der Vernehmungsliste stünden ferner die beiden Insassen des Inspektionsfahrzeugs sowie ein Bordtechniker, der sich im Transrapid befunden habe. Darüber hinaus werde der Funkverkehr zwischen Leitstelle und den Fahrzeugen ausgewertet.
Unklar sei auch, warum im Transrapid der rote Notstopp-Knopf so spät gedrückt worden sei. Er sei erst betätigt worden, als der Zug schon 100 bis 30 Meter an den Servicewagen herangekommen sei - zu spät für eine erfolgreiche Notbremsung, sagte Retemeyer.
Bei dem Unglück am Freitag war der Transrapid kurz nach seinem Start in den Werkstattwagen gerast, was den Tod von 23 Menschen zur Folge hatte. Zehn Menschen wurden verletzt. Am Sonntag schwebte keiner der Verletzten mehr in Lebensgefahr. Alle Todesopfer sind inzwischen identifiziert. Die Aufräumarbeiten, die noch Tage dauern werden, wurden fortgesetzt.
Die Angehörigen konnten am Samstagabend bei einem kleinen Gottesdienst Abschied nehmen. Eine offizielle Trauerfeier ist für Mittwoch in Lathen geplant.
Am Sonntagmittag kamen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der bayerische Verkehrsminister Erwin Huber sowie Vertreter der Transrapid-Betreibergesellschaft in Berlin zu einem Gespräch zusammen. Dabei sollte über mögliche Folgen des Unglücks im Emsland gesprochen werden. Tiefensee hatte am Samstag angekündigt, die Lage solle analysiert werden. Geprüft werden solle, ob die Sicherheitsvorkehrungen vor Ort ausreichend waren und ob sie zu 100 Prozent befolgt wurden, sagte der SPD-Politiker. Dann werde es darum gehen zu untersuchen, ob es Konsequenzen für die Transrapid-Technologie geben müsse.
In China scheint sich nach der Transrapid-Katastrophe Skepsis über die Technologie zu verbreiten. Angeblich steht sie «vor dem Aus», wie die Tageszeitung «Die Welt» (Montagausgabe) meldete. Danach wollen die Behörden kommende Woche über die Zukunft des Projekts beraten. Eine Entscheidung zum Weiterbau der Schanghaier Flughafenanbindung nach Hangzhou wird immer fraglicher.
In Schanghai fährt auf einer 30 Kilometer langen Strecke weltweit der einzige kommerziell betriebene Transrapid. Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao und Ministerpräsident Wen Jiabao sprachen Deutschland ihr Beileid zum Unglück im Emsland aus.
(AP)