Elstal – Die Landschaft erinnert an die nordamerikanische Prärie. Karg bewachsene Heide soweit das Auge reicht. Linker Hand trotten einige Wisente, ein Stück weiter galoppieren Przewalski-Wildpferde über das Gras. Gleich hinter dem westlichen Stadtrand von Berlin sind solche vom Aussterben bedrohte Tiere zu bestaunen. Dort zwischen Elstal und Groß Glienicke baut die Heinz-Sielmann-Stiftung derzeit einen riesigen, ehemals sowjetischen Truppenübungsplatz zum Wildnis-Großpark Döberitzer Heide um.
Das Projekt könnte Vorbild für ähnliche Gelände deutschlandweit werden. Denn auch 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges liegen viele ehemalige Militärflächen in Ost und West noch brach – ob in Brandenburg, auf der Schwäbischen Alb oder der Warner Heide bei Köln. Bundesumweltminister Siegmar Gabriel besuchte am Montag die Lieberoser Heide in der Lausitz. Dort wollte er sich informieren, wie solche Flächen für den Naturschutz genutzt werden können.
Vor allem aber in den neuen Ländern rätseln viele Regionen, was sie mit den munitionsbelasteten Landstrichen anfangen sollen, die die sowjetischen Truppen oder die DDR-Volksarmee hinterlassen haben. Eine Sanierung der Böden ist meist extrem teuer. Aber auf den abgeschotteten Landstrichen haben sich oft bedrohte Tier- und Pflanzenarten entwickeln können. Für die Lieberoser Heide, wo die russische Armee jahrzehntelang Schießübungen veranstaltete, gibt es aus diesem Grund Pläne für einen Nationalpark.
Doch wie überall beim Naturschutz fürchten Anwohner Nachteile für die Wirtschaft. Gabriel rät deshalb zu einer behutsamen Linie: Moderation, alle Beteiligten an einen Tisch, und dann langsam, über viele Jahre ein Konzept mit Interessenausgleich entwickeln, schlug er vor. Im Fall Lieberose ist sich der Minister sicher: „Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht die Nutzung und den Naturschutz unter einen Hut bringen könnte.“
Dies hat sich auch die Sielmann-Stiftung vorgenommen, die 2004 die Döberitzer Heide 150 Kilometer weiter nordwestlich übernahm und seither dort eine ihrer Naturlandschaftsparks anlegt. „Wir wollen hier zeigen, dass Naturschutz auch geht, ohne die Menschen ganz auszusperren“, sagt Walter Stelte, Vorstand der 1994 vom Tierfilmer Heinz Sielmann gegründeten Stiftung.
Doch überall hin aufs Gelände sollen die Besucher nicht kommen. Stattdessen werden sie auf bestimmten Routen über das 3.500 Hektar große Areal gelenkt, damit andere Gebiete unberührt bleiben. Dazu sind bereits 34 Kilometer an Wander- und Radwegen angelegt worden.
„Für Frühjahr 2010 planen wir die komplette Schließung einer Wildniskernzone“, erläutert Stelte. Dort soll sich die Natur auf 2.000 Hektar wieder völlig ungestört entfalten können. Schon jetzt werden einige Tiere in einer 50 Hektar großen Eingewöhnungszone darauf vorbereitet, künftig in der Kernzone ausgewildert zu werden. „Seit einigen Wochen leben dort sieben der vom Aussterben bedrohten Przewalski-Wildpferde und vier Wisente“, erzählt der Geschäftsführer der Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide, Lothar Lankow.
Bislang haben die Mitarbeiter der Stiftung etwa 5.000 Pflanzen- und Tierarten auf dem insgesamt mehr als 5.200 Fußballfelder umfassenden Naturpark nachgewiesen. Diese Artenvielfalt nahe der Großstadt konnte sich entwickeln, weil das Gelände beinahe 100 Jahre abgeschottet war. „Anfang des 20. Jahrhunderts baute der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. die Döberitzer Heide zum Truppenübungsplatz aus“, berichtet Stiftungssprecher Boris Preckwitz.
Auch die Wehrmacht und die sowjetischen Truppen in der DDR-Zeit wollten auf das Militärgelände nahe der Hauptstadt nicht verzichten, die letzten Soldaten zogen erst 1991 ab. „In all den Jahren hatte sich ein Landschaftsmosaik aus Heiden, Mooren, Mischwäldern und Gewässern entwickelt“, sagt Preckwitz.
Glücklicherweise kamen die Soldaten zum Üben nur aus den zahlreichen umliegenden Kasernen. „Deshalb brauchten die Truppen hier keine Tanklager zu errichten“, erklärt Geschäftsführer Lankow. „Das hat uns eine Verseuchung des Bodens wie auf vielen anderen Übungsplätzen erspart.“
Mit einer anderen Hinterlassenschaft aber hat die Sielmann-Stiftung schon seit Jahren zu kämpfen. „Hier liegen pro Quadratmeter zwei bis drei alte Munitionsteile“, beschreibt Lankow die Erbschaft. Im Akkord sammeln Räumtrupps die Reste auf den künftigen Wanderwegen ein, die meist wenige Zentimeter unter der Erde zu finden sind. In der geplanten Kernzone dagegen bleiben sie liegen. „Auch dort alles zu räumen, wäre unbezahlbar. Und Menschen sollen da ja nicht hinein kommen“, begründet dies Stelte.
http://www.sielmann-stiftung.de/ (AP)