Foto: Patrick Sinkel/dapd Photo
Berlin – Neonazis sollen aus Turnhallen und Stadien verschwinden. Spitzenvertreter aus Politik und Sport starteten am Dienstag in Berlin eine gemeinsame Initiative, um die rechtsextreme Unterwanderung von Vereinen zu stoppen. Aufklärung, ein offensiver Umgang mit dem Problem und eine bessere Vernetzung der Projekte gegen Rassismus sollen Rechtsextremen den Boden in Sportclubs entziehen.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, der organisierte Rechtsextremismus sei zwar auf dem Rückzug. Das "Hineinsickern von rechtsextremem Gedankengut in die Gesellschaft" nehme jedoch zu. Der Sport sei hier ein "Angriffspunkt". Jugendministerin Kristina Schröder (CDU) beklagte, Kinder und Jugendliche seien leicht beeinflussbar. Rechtsextreme nutzten das aus.
Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, berichtete von einer strategischen Unterwanderung von Sportvereinen durch Rechtsextreme. Sie kämen als Trainer oder Funktionäre in Clubs und versuchten, durch Engagement – etwa für den Erhalt eines Jugendclubs oder die Renovierung einer Sporthalle – Sympathien zu gewinnen. Auch Nazi-Symbole bei Sportveranstaltungen seien keine Seltenheit. Die Verbände träten dieser Entwicklung schon seit Jahren entgegen. Bislang seien die Initiativen aber verstreut. Nun solle es eine bessere Vernetzung geben.
"Wir müssen die Kräfte bündeln, die wir haben", mahnte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger. "Das Böse kommt oft in der Maske des Guten", warnte er. Rechtsextreme zeigten Engagement in Vereinen, böten ihre Hilfe an und versuchten so, Macht und Anerkennung zu gewinnen. Das sei besonders gefährlich. "Fußball ist keine heile Welt", räumte Zwanziger ein.
Experten zufolge geht das Phänomen jedoch weit über den Fußball hinaus. Der Soziologe Gunter Pilz sagte, betroffen seien auch viele andere Sportarten – etwa Schwimmen, Leichtathletik, Kampfsport, Turnen oder Schießen. Es handele sich auch längst nicht nur um ein "Ost-Problem". Die Rechtsextremen nutzten konsequent den Mangel an Ehrenamtlichen, um in Vereine einzudringen.
Die beteiligten Ministerien und Verbände legten in Berlin ein "Handlungskonzept" vor, um die Eindringlinge von Rechtsaußen zurückzudrängen. Darin wird unter anderem ein Meldesystem für rechtsextreme Vorfälle angeregt – und ein Gütesiegel für Vereine, die sich klar gegen Diskriminierung positionieren. Sportclubs könnten ihre demokratischen Grundsätze verbindlich in Satzungen festhalten, ebenso in Botschaften auf Eintrittskarten oder in Stadien. Plädiert wird auch für eine bessere Aufklärung – durch Broschüren, Informationsveranstaltungen für Vereinsmitglieder und Eltern, aber auch durch Lehrgänge in der Trainerausbildung. Gründen Rechtsextreme einen eigenen Verein, gebe es die Option, ihnen die Aufnahme in den Landessportbund oder die Hallennutzung in der jeweiligen Stadt zu verweigern.
Nachdenkliche Töne kamen von DFB-Präsident Zwanziger. Der Kampf gegen den Rechtsextremismus sei nicht immer leicht, berichtete er. In "nicht so ganz zarten" Briefen werde ihm immer wieder vorgeworfen, er politisiere den Fußball. Auch die Einführung von Sanktionen gegen Vereine, deren Fans rassistisch pöbelten, sei auf Gegenwehr gestoßen.
Außerdem bleibe ein Grundproblem: "Das ist ja alles schön und gut, was wir hier machen", sagte Zwanziger. Wenn aber das Ehrenamt weiter geschwächt werde, wenn sich Helfer in den Vereinen überfordert fühlten und das Handtuch schmissen, dann bekämen die Sportclubs große Schwierigkeiten. Er forderte von der Politik, bei Gesetzen – etwa Steuerregeln – immer auch zu schauen, was dies für Ehrenamtliche bedeute. Erst wenn das gelinge, gebe es ein "wirklich starkes Netzwerk" gegen den Rechtsextremismus.
(dapd)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte