Aktuelle Nachrichten – Kultur
22.01.2010
Foto: apn Photo/Matthias Rietschel
Meißen (apn) Die Russen lieben Prunkservices mit viel Goldmalerei, die Deutschen das legendäre Zwiebelmuster und die Briten Mops-Figuren. Die Porzellanmanufaktur Meissen ist mit feinstem Geschirr und filigranen Skulpturen, Vasen und Leuchtern weltweit bekannt geworden und hat dabei für fast jeden Geschmack etwas zu bieten. Dennoch ging es zuletzt bergab. 300 Jahre nach der Gründung will das Unternehmen nun mit völlig neuen Produkten der Krise trotzen und wieder in die Gewinnzone zurückkehren.
Begonnen hatte alles damit, als im 16. Jahrhundert erstmals feines Porzellan aus Ostasien in Europa auftauchte. Die Herrschenden waren verzückt vom „Weißen Gold“ und setzten alles daran, das Geheimnis der Fertigung zu entschlüsseln. Auch August der Starke in Sachsen wollte es wissen und ließ kurzerhand den Alchimisten Friedrich Böttger in Schutzhaft nehmen. Nach jahrelangem Tüfteln gelang diesem 1708 der Durchbruch: das europaweit erste Hartporzellan.
Am 23. Januar 1710 verkündete der Sachsen-König dann in einem „allerhöchsten Dekret“ die Gründung der Manufaktur. Die hat inzwischen elf Kriege überdauert, sechs politische Systeme, Dutzende Modewellen und Krisen. „Sie ist sich aber immer treu geblieben“, meint Geschäftsführer Christian Kurtzke. „Unsere handwerkliche und künstlerische Qualität, unsere große Vielfalt von puristischen Stücken bis zum opulenten Barock macht uns auf der Welt keiner nach.“
Foto: apn Photo/Matthias Rietschel
Tatsächlich stehen in den Holzregalen im Archiv der Manufaktur aufgestapelt mehr als 800.000 verschiedene Gipsformen. Bis heute betreibt man nahe Meißen ein eigenes kleines Bergwerk, in dem der Ausgangsstoff Kaolin gewonnen wird. Es gibt sogar ein eigenes Farblabor, in dem rund 10.000 verschiedene Farbtöne entstehen. Kurtzke sagt, für höchste Qualität und Unverwechselbarkeit sorgten nicht zuletzt die insgesamt rund 800 Mitarbeiter.
Besonders kommt es dabei auf das Geschick der Porzellanmaler an, deren hauseigene Ausbildung dreieinhalb Jahre dauert. Claudia Berthold hat das seltene Handwerk vor mehr als zwei Jahrzehnten erlernt und seither unzählige Male die gekreuzten Schwerter gemalt – das berühmte Markenzeichen. „Für mich ist das schon immer ein Traumberuf gewesen, die Arbeit macht sehr viel Spaß“, sagt die 40-Jährige, die in einem hellen Atelier gerade mit sanftem Pinselstrich blassblaue Wolken auf eine Porzellanplatte aufträgt.
Bis zu 14 Tage wird es dauern, bis das Kunstwerk „Der Blütenreigen“ fertig ist. Auch ihre Mutter arbeitete schon in der Manufaktur; sie war auf Vogelmotive spezialisiert. Ein paar Türen weiter sitzt Bertholds Schwester, die sich besonders gut mit Orient-Motiven auskennt.
Foto: apn Photo/Matthias Rietschel
Obwohl Porzellan aus Meißen weltweit einen exzellenten Ruf hat, geriet der sächsische Staatsbetrieb zuletzt immer mehr in Schwierigkeiten. 2008 verbuchte die Manufaktur bei einem Umsatz von 35 Millionen Euro einen Verlust von mehr als sechs Millionen Euro. Um Schlimmeres zu verhindern, wurde Kurtzke vor gut einem Jahr als Sanierer nach Meißen geholt.
Der 40-jährige Manager will die Tradition bewahren. So soll Meißen weiterhin auf Luxus setzen und höchste Qualität. Für den nötigen Schub sollen neue Produkte und eine kürzere Entwicklungszeit sorgen. Bereits neu im Programm sind verschiedene Schmuck-Stücke sowie handgefertigte Porzellanfliesen. Die sind in ersten Häusern schon verlegt worden, darunter im Berliner Luxushotel „Adlon“. Kurtzke sagt, er sehe im Segment Architektur ein einzigartiges Wachstumspotenzial.
Angekurbelt werden soll zudem der Absatz besonders edler und teurer Stücke aus vergangenen Tagen, die in limitierter Auflage angeboten werden. Die Rechnung scheint aufzugehen: Als die Manufaktur die Fertigung einer 100.000 Euro teuren Porzellanuhr ankündigte, gingen in kürzester Zeit 40 Bestellungen ein, dabei können nur zehn gebaut werden.
Obwohl das neue Programm gerade erst anläuft, konnte es den Angaben zufolge 2009 den kräftigen Umsatzrückgang im klassischen Programm nahezu kompensieren. Kurtzke sagt, mittelfristig solle der Umsatz sogar verdoppelt werden. Erklärtes Ziel des Sanierers ist es zudem, dass das Land Sachsen als Eigentümer „möglichst bald“ kein Geld mehr zuschießen muss.
Stärker als bislang sollen künftig mit vergleichsweise günstigen Einstiegsangeboten auch junge Kunden für die Handwerkskunst aus Meißen begeistert werden. Gleichzeitig will man aber auch die alten Liebhaber und Sammler nicht vergraulen, die für ein exklusives Service schon mal mehrere zehntausend Euro hinblättern. „Für viele sind die Stücke aus unserem Haus einfach eine wunderschöne Wertanlage, die von Generation zu Generation vererbt wird“, sagt Kurtzke. (AP)
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