Aktuelle Nachrichten – Deutschland
20.06.2011
Foto: Focke Strangmann/dapd
Berlin – Zweieinhalb Monate nach der Inhaftierung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Pekinger Führung erneut scharf attackiert. "Die Inhaftierung des Künstlers als Akt diktatorischer Willkür darf nicht Bestand haben", sagte der CDU-Politiker im dapd-Interview (siehe unten). Dieser barbarische Akt müsse immer wieder publik gemacht werden. Es gehe darum, die Politik der Nadelstiche fortzusetzen.
Ai Weiwei war am 3. April in Peking inhaftiert worden und ist seitdem verschwunden. Alle internationalen Proteste und Appelle an die chinesische Führung zur Freilassung fruchteten bislang nicht.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) im Gespräch mit dapd-Korrespondent Holger Mehlig:
Was kann getan werden, damit Ai Weiwei nicht in Vergessenheit gerät?
Bernd Neumann: Man darf dieses Thema nicht einschlafen lassen. Es gibt häufig Anlässe, auch im internationalen Bereich, bei denen man als Kulturverantwortlicher dieses Unrecht auch beim Namen nennen kann. Das habe ich mir vorgenommen, wie auch der Außenminister und andere. Es gibt immer wieder Begegnungen mit chinesischen Offiziellen, und da müssen wir das zur Sprache bringen. Die chinesische Regierung muss immer wieder aufgefordert werden, Ai Weiwei umgehend freizulassen. Die Inhaftierung des Künstlers als Akt diktatorischer Willkür darf nicht Bestand haben. Internationaler Druck kann und wird hier helfen, davon bin ich überzeugt.
Sollte die Bundesregierung nicht auch Sanktionen erwägen, um dem Wort stärkeres Gewicht zu verleihen?
Neumann: Man darf die Wirkung des Wortes nicht unterschätzen. Diese ganze Diskussion ist der chinesischen Regierung unangenehm. Es geht darum, diese Politik der Nadelstiche fortzusetzen, dies wird sicher nicht gern gesehen im offiziellen China. Ai Weiwei steht ja für mehr: Er ist ein Symbol für alle inhaftierten Künstler, auch diejenigen, die hier gar nicht bekannt sind. Wer für die Rechte und Freiheit von Ai Weiwei kämpft, kämpft für die Freiheit aller Künstler in der Welt, die an Unterdrückung und Diktatur leiden. Ich thematisiere das, wo ich kann – steter Tropfen höhlt den Stein...
Ihre Kritik an China ist scharf...
Neumann: Die Festnahme von Ai Weiwei lässt tief hinter die Maske des chinesischen Systems blicken und offenbart, dass China noch längst nicht die Kriterien der friedlichen Völkergemeinschaft erfüllt, nämlich die Freiheit von Kunst und Kultur zu gewährleisten. Man sieht an dem Fall Ai Weiwei, dass eine Diktatur große Angst vor der Kreativität und dem Freiheitsdrang der Kulturschaffenden hat, also vor jenen, die am ehesten Motor für eine demokratische Bewegung sind.
Befürchten Sie nicht, dass die harte Kritik Ai Weiwei eher schadet, weil China ihn ohne Gesichtsverlust nicht mehr freilassen kann?
Neumann: Die Alternative wäre ja ein Kotau.
Man könnte es auch im Stillen, diplomatischer versuchen...
Neumann: Glauben Sie mir, eine Diktatur stört es wenig, wenn ein Botschafter im stillen Kämmerlein remonstriert. Nein, wir müssen diesen barbarischen Akt immer wieder publik machen. Diktatorische Systeme fürchten die kritische Öffentlichkeit.
Bleibt es also auch dabei, dass Sie gegen einen Abbruch der deutschen Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking sind?
Neumann: Ich halte es für falsch, sie zu beenden. Dann hat man gar keine Möglichkeit des Einflusses mehr. So zeigen wir Flagge, und wir können in China etwas thematisieren, was den chinesischen Machthabern unangenehm ist, zum Beispiel in den vielen Begleitveranstaltungen.
Kommen denn mittlerweile mehr Besucher? Zu Beginn waren ja kaum welche da, wegen hoher Eintrittspreise und fehlender Werbung.
Neumann: Die Entwicklung ist erfreulich: Samstags und sonntags kommen jetzt pro Tag bis zu 4.000, sonst täglich 1.500. Zu Beginn waren es ja nur ein paar Hundert pro Tag. Diese positive Entwicklung ist auch einigen von mir angemahnten Maßnahmen zu verdanken: Der Eintritt wurde um zwei Drittel gesenkt, von 30 Yuan (ca. 3,20 Euro) auf nun 10 Yuan (etwa 1,10 Euro). Der Katalog ist allerdings weiter zu teuer, statt anfänglich 1.000 Yuan (knapp 110 €) kostet er jetzt noch immer rund 800 Yuan (84 Euro). Es gibt aber einen neuen Kurzführer für 40 Yuan (4,20 Euro). Auch inhaltlich hat sich etwas getan: In den Foren und den Diskussions- und Salonveranstaltungen wird die Thematik Ai Weiwei auf den Punkt gebracht. Das Begleitprogramm wird dazu genutzt, dieses Thema auf der Tagesordnung zu halten. (dapd)
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