Gib alles der Liebe

  Gib alles der Liebe Deinem Herzen gehorche; Freunde, Familie und Tage, Gut und Ruhm, Pläne, Zutrauen und Gedicht; Verweigere nichts.   Sie ist guter Lehrer, Lass ihr freie Hand, …

 

Gib alles der Liebe
Deinem Herzen gehorche;
Freunde, Familie und Tage,
Gut und Ruhm,
Pläne, Zutrauen und Gedicht;
Verweigere nichts.
 
Sie ist guter Lehrer,
Lass ihr freie Hand,
Folge ihr vollkommen,
Hoffnung auf Hoffnung;
Hoch und noch höher,
Steigt sie hinan,
Auf Flügeln nie müde,
Dem Ziel ungenannt;
Doch ist sie ein Gott
Kennt ihren Pfad,
Und die Ausläufer des Himmels.
Ist nichts für Gemeine,
Braucht standhaften Mut,
Seelen über Zweifel erhaben,
Unbeugsam und tapfer;
Denn solche belohnt sie,
Sie kehren wieder,
Mehr, als sie waren
im ewigem Aufwind.
 
Lass alles der Liebe; –
Doch, höre mich, noch
Ein Wort mehr deinem Herzen gezieme,
Ein Pulsschlag mehr entschloss´ner Mühe,
Halte dich heute
Und morgen und immer
Frei wie das Steppenpferd
Von deinem Lieb.
Häng dein Leben an die Maid;
Wenn aber Überraschung, einer matten
Vermutung flüchtiger Schatten,
Ihre junge Brust durchhuscht,
Dass außer dir noch Freude sei,
Sei sie frei, vogelfrei
Du halt sie weder am Saum zurück,
Noch die blasseste Sommer-Rose
Ihrer Blütenkrone entpflückt.
 
Auch wenn du sie liebest wie dich selbst,
Wie ein Selbst aus reinerer Erde,
Ob durch ihren Abschied auch der Tag verdunkelt werde
Und allem was lebt, die Anmut genommen,
Im Herzen wisse,
Wenn Halbgötter gehen,
Die Götter kommen.
 
Ralph Waldo Emerson (1803-1882)
(übersetzt von Rosemarie Frühauf)
Lesen Sie auf Seite 2 das Originalgedicht auf Englisch
[–]
 
Give all to love;
Obey thy heart;
Friends, kindred, days,
Estate, good fame,
Plans, credit, and the muse;
Nothing refuse.
 
‚Tis a brave master,
Let it have scope,
Follow it utterly,
Hope beyond hope;
High and more high,
It dives into noon,
With wing unspent,
Untold intent;
But ‚tis a god,
Knows its own path,
And the outlets of the sky.
‚Tis not for the mean,
It requireth courage stout,
Souls above doubt,
Valor unbending;
Such ‚twill reward,
They shall return
More than they were,
And ever ascending.
 
Leave all for love;-
Yet, hear me, yet,
One word more thy heart behoved,
One pulse more of firm endeavor,
Keep thee to-day,
To-morrow, for ever,
Free as an Arab
Of thy beloved.
Cling with life to the maid;
But when the surprise,
Vague shadow of surmise,
Flits across her bosom young
Of a joy apart from thee,
Free be she, fancy-free,
Do not thou detain a hem,
Nor the palest rose she flung
From her summer diadem.
 
Though thou loved her as thyself,
As a self of purer clay,
Tho‘ her parting dims the day,
Stealing grace from all alive,
Heartily know,
When half-gods go,
The gods arrive.
 
Lesen Sie auf Seite 3: Wer war Ralph Waldo Emerson?
[–]
 
Ralph Waldo Emerson (1803-1882) war ein US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller aus dem Bundesstaat Massachusetts. Er war Sohn eines unitarischen Pastors, der starb, als Emerson erst acht Jahre alt war. Maßgeblich beeinflusst wurde er von seiner sehr belesenen Tante, Mary Moody Emerson, die ihn erzog. Er war selbst kurze Zeit als Pastor tätig, wandte sich jedoch von der traditionellen Theologie ab. Er wurde von der Harvard Universität suspendiert, nachdem er in einer Vorlesung die Ansicht formuliert hatte, dass es der Wissenschaft unmöglich sei, den Menschen zur Erkenntnis des Göttlichen zu führen. Nur die Natur könne dies. Mit seinem moralischen Ansatz, seinen ungewöhnlichen Themen und Ansichten, die er in formal unkonventionelle Texte, Gedichte und Essays goss, wurde er einer der führenden Köpfe der Literaturbewegung der Transzendentalisten in den USA. Emerson förderte viele junge Schriftsteller und betonte die kulturelle Unabhängigkeit der amerikanischen Nation von Europa. Er glaubte, dass alle Dinge eine Verbindung zum Göttlichen besitzen und war überzeugter Vegetarier.
 
Gedichte von Ralph Waldo Emerson

Ralph Waldo Emerson hinterließ dutzende Gedichte, von kleinen Sinnsprüchen bis zu balladenartigen Oden. Seine Sprache ist bildgewaltig, heiter, klangvoll und dabei pointiert und schlicht. Trotzdem entwerfen seine Gedichte höchst eigenwillige Bilder, die nicht eindeutig entschlüsselt werden können. Die Fantasie und der Intellekt des Lesers werden stark herausgefordert. Emerson vermischte ohne Hemmungen klassische antike und biblische Bilder, sowie Gedanken aus Hinduismus und Buddhismus. An Vers- und Reimschemen innerhalb eines Textes hielt er sich manchmal, aber nie zwingend. Die hier präsentierten Nachdichtungen von Rosemarie Frühauf versuchen, Emersons Wortlaut, Rhythmus und Reimen möglichst nahe zu kommen.