Aktuelle Nachrichten – Digitale Welt
02.09.2009
Stuttgart – Der Marktführer ist angefressen: Seit zwei Jahren muss Nokia zusehen, wie der kalifornische Handy-Newcomer Apple mit dem iPhone Erfolge feiert und immer höhere Gewinne mit seinem Online-Musik-Shop iTunes erzielt. Auf der „Nokia World“ in Stuttgart geben sich die Finnen trotzig. „Wir sind nicht in der Defensive, wir sind in der Offensive“, sagte Marketing-Chef Anssi Vanjoki am Mittwoch zum Auftakt der zweitägigen Hausmesse.
Dazu gehören neben einem breiten Spektrum neuer Geräte auch neue Dienste für das mobile Internet. So wird das Musik-Handy X6 im vierten Quartal mit einer Flatrate für den Musik-Download auf den Markt gebracht. Vanjoki rechnete in einer Rede vor Händlern und anderen Branchenvertretern vor, dass der Download der 100 populärsten Alben bei iTunes 934 Euro koste. Die gleiche Musik gebe es ohne zusätzliche Kosten beim X6. Das mit einem 32 Gigabyte großen Speicher ausgestattete Gerät soll im vierten Quartal zu einem Preis von 450 Euro (ohne Vertrag) eingeführt werden.
„Wir wollen weg vom Musik-Download pro Song und pro Klick“, erklärte Nokia-Manager Christof Hellmis. Die Musik kann zusätzlich zum Handy auf einem Notebook gespeichert werden. Nach Ablauf des Flatrate-Jahres ist sie weiter zu hören, der freie Download ist dann aber beendet. Das Modell mit der Marketing-Bezeichnung „Comes With Music“ sei „so kalkuliert, dass es für alle Seiten ein gutes Geschäft ist“, sagte Hellmis im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Die Plattenfirmen bekommen einen Teil des Verkaufserlöses.
Auch in anderen Bereichen drückt Nokia auf den Preis. „Wir wollen mit unseren Diensten viele erreichen, nicht die Wenigen“, sagte Vorstandschef Olli-Pekka Kallasvuo. So gibt es im vierten Quartal ein weiteres Musik-Handy mit der Modellbezeichnung X3 zum Preis von 115 Euro – da ist die Musik-Flatrate dann aber nicht mit dabei. Zur weiteren Neuheiten-Palette gehören das Navi-Handy Nokia 5800 und eine kleinere Ausgabe des Smartphones Nokia N97: Das N97 mini ist vor allem auf die Kommunikation mit sozialen Netzwerken wie Facebook ausgerichtet und kann etwa den geografischen Standort des Handy-Nutzers mit der „Status“-Meldung im persönlichen Profil verbinden.
Zudem steigt Nokia jetzt ebenfalls ins lukrative Geschäft mit den Netbooks ein. Gut eineinhalb Jahre nach dem ersten Eee-PC von Netbook-Pionier Asus präsentierte der finnische Handy-Hersteller am Mittwoch in Stuttgart das Booklet 3G, das mit dem neuen Betriebssystem Windows 7, WLAN und Mobilfunk als mobile Internet-Station wie als Reiseschreibmaschine dienen soll.
Das 26 mal 19 Zentimeter große Gerät hat einen relativ großen Bildschirm (10,1 Zoll) und verspricht eine lange Akku-Laufzeit für eine Nutzung über bis zu zwölf Stunden. Die Markteinführung ist für das vierte Quartal zu einem Preis von 575 Euro geplant. Es soll aber auch zusammen mit einem Mobilfunkvertrag vertrieben werden und könnte dann dem Vernehmen nach etwa 250 Euro kosten; im Gespräch ist eine Partnerschaft mit dem Mobilfunkanbieter O2.
Damit sind jetzt nahezu alle großen IT-Hersteller auf den Netbook-Zug aufgesprungen. Während der Handy- und PC-Markt in diesem Jahr rückläufig ist, verspricht der Umsatz mit den kleinen Notebooks weiterhin beträchtlichen Zuwachs. Die Marktforscher von Gartner ermittelten für Netbooks bereits einen Anteil von 20 Prozent am gesamten Computergeschäfts in Europa; allein in Deutschland wurden im zweiten Quartal 289.000 Netbooks verkauft, zumeist von Acer, Samsung und Asus.
„Ich glaube nicht, dass wir zu spät kommen“, sagte Nokia-Manager Hellmis zur Einführung des Booklets 3G. „Asus hat den Markt bereitet und den Nerv der Zeit getroffen.“ Jetzt komme es darauf an, mit den entsprechenden Stückzahlen den Massenmarkt zu erschließen.
Alle Hersteller arbeiten daran, die Nachteile der Netbooks auszugleichen. Das sind neben Einschränkungen bei der Bildschirmgröße und der Tastatur vor allem Batterielaufzeit und Gesamtleistung des Systems. Mit dem im Juni 2008 eingeführten Intel-Prozessor Atom sind die Netbooks deutlich stärker geworden. Der speziell für mobile Geräte entwickelte Chip geht besonders sparsam mit dem Akku um. In dem Nokia-Gerät werkelt ein Atom Z530 mit 1,6 Gigahertz. Der Arbeitsspeicher ist mit einem Gigabyte bemessen, die Festplatte fasst 120 GB.
Der einzige großer IT-Hersteller ohne ein Netbook im Angebot ist bislang Apple. Dabei hat das kalifornische Unternehmen mit dem iPhone gezeigt, wie es sein Betriebssystem Mac OS X erfolgreich für mobile Geräte anpassen kann. Jetzt wird allenthalben darüber spekuliert, dass Apple schon in den nächsten Wochen eine Kombination aus Netbook und Tablet PC ankündigen könnte – also einen Mini-Rechner, dessen Bauteile ganz im Bildschirm integriert sind. (AP)
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