Foto: © AP 2012 Joel Ryan/AP/dapd
Berlin – Einfach drauflos fahren in Richtung Westen, ohne Plan und Ziel: mit dem Kultbuch "On the Road" schrieb Jack Kerouac eine euphorische Hymne an die Freiheit und das Unterwegssein. Sein 1957 veröffentlichter, semiautobiografischer Bericht über seine Trips durch die USA mit seiner zugedröhnten Freundesclique gilt als Schlüsselroman der "Beat Generation" und Bibel der Gegenkultur. Regisseur Walter Salles versucht mit seinem mit Herzblut gedrehten Roadmovie dem als unverfilmbar gegoltenen Literaturklassiker gerecht zu werden.
Kerouacs Alter Ego ist Sal Paradise, ein junger New Yorker Schriftsteller im Jahre 1947, der nach dem Tod seines Vaters in einer Sinnkrise steckt. Als er den charismatischen Dean Moriarty und dessen 15-jährige Ehefrau Marylou trifft, findet Sal seinen Seelenverwandten. In den nächsten zwei, drei Jahren zieht Sal, mal mit, mal ohne Kumpel, im Zickzackkurs durch die USA und durch Mexiko, trampend oder in gestohlenen Autos. Wie im Fieber bringt er bizarre Begegnungen und grenzüberschreitende Erfahrungen mit Sex und Drogen, vor allem Amphetamin, aufs Papier, gemäß seinem Credo: "Nur die Verrückten interessieren mich, solche, die brennen".
Das Ensemble ist große Klasse: der britische Darsteller Sam Riley ("Control") und Ehemann von Alexandra Maria Lara ist als angehender Schriftsteller angemessen melancholisch und introvertiert. Mit Viggo Mortensen als morphiumsüchtiger Old Bull Lee (alias William S. Burroughs), und Tom Sturridge als in Dean verliebter Intellektueller Carlo Marx aka Allen Ginsberg ist das Dreigestirn der tonangebenden Beat-Autoren komplett. Ihre Muse und ihr Motor ist Dean Moriarty beziehungsweise Kerouacs Dichterfreund Neal Cassady: eine saftige Hallodri-Rolle, die Garrett Hedlund Starruhm bescheren wird.
Hedlund ("Tron: Legacy") spielt einen jener bösen Buben und energiegeladenen Abstauber, die Männlein wie Weiblein unwiderstehlich in ihren Bann ziehen. Der Menschenfänger, dessen Straßenkötervergangenheit als Knastbruder und Stricher ihn bei den Literaten umso interessanter macht, pendelt zwischen seiner Ex-Gattin und Geliebten Marylou und seiner neuen Angetrauten Camille, mit der er ein Kind hat - ist aber auch dem eigenen Geschlecht nicht abgeneigt. Holla die Waldfee: Kristen Stewart streift als zügellose und oft nackige Nymphe Marylou die "Twilight"-Prüderie radikal ab. Kirsten Dunst glänzt als leidgeprüfte Klassefrau Camille.
Die ästhetische Gestaltung mit entspannten Kamerafahrten über die weite Landschaft und das detailfreudig rekonstruierte Zeitkolorit der späten Vierziger ist schön anzusehen. Als Taktgeber der lebenshungrigen Youngsters dient elektrisierender Bebop-Jazz. Doch die elegischen Vagabundenszenen erinnern an nostalgische Postkarten aus der Nachkriegszeit. Wenn Sal mit wehendem Haar mit Landarbeitern auf der LKW-Pritsche sitzt oder "ganz unten" mit Latinos schuftet, hat die Verbindung von Bohème und Proletariat einen sozialromantischen Anstrich. Vom leidenschaftlichen Sturm und Drang des Romans ist in dieser pittoresken Perspektive wenig zu spüren.
Salles, mit "Central Station" und "Die Reise des jungen Che" Spezialist für romantische Roadmovies, inszeniert den Avantgarde-Klassiker weitgehend konventionell - und entzaubert ihn unfreiwillig. Jenseits Kerouacs rauschhafter Sprache treten uncoole Details schärfer hervor. Sal, der Erholungspausen bei Muttern einlegt, und der getriebene Dean erscheinen oft mehr als Anwärter für die Analytikercouch denn als Hipster. Außer Drogen, Sex und geklauten Spesen nichts gewesen? Wiewohl ein Augenschmaus, zeigt der langatmige Film, dass der dem damaligen Zeitgeist entsprechende Roman nicht gut gealtert ist.
("On the Road - Unterwegs", Frankreich/Brasilien 2012, 137 Minuten, Prädikat: besonders wertvoll, FSK: 12, Verleih: Concorde, Regie: Walter Salles, Darsteller: Garrett Hedlund, sam Riley, Kristen Stewart, Kirsten Dunst u.a.)
Kinostart: 4. Oktober 2012
dapd
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
"Das ständige Sühnen hat mir schon in der Klosterschule gestunken"
(16.10.2012)
Helge Schneider startet Dreharbeiten für neuen "00 Schneider"-Film
(15.10.2012)
"Das Bourne Vermächtnis" ohne Matt Damon an der Spitze der Charts
(17.09.2012)
Mit Mantel, Degen und flotten Sprüchen
(27.08.2011)
Auf Wanderschaft mit Robert Stadlober
(08.06.2011)
Globales Tagebuch über einen Tag im Sommer 2010
(05.06.2011)
Kinos verbuchen 2010 dickes Besucherminus
(09.02.2011)